Ein Koloss  namens „Babe“
Ein Koloss namens „Babe“
4. August 2017

Im legendären Komiker-Duo war der vor 60 Jahren verstorbene Oliver Hardy so etwas wie das schauspielerische Herzzentrum, während sein Partner Stan Laurel den kreativen Kopf beisteuerte. Überraschend, dass Hardy privat ein sehr sportives Hobby pflegte – er war der beste Golfer Hollywoods.

Als Oliver „Babe“ Hardy am Morgen des 7. August 1957 im Alter von 65 Jahren nach einer Serie von Schlaganfällen gestorben war und in der Freimaurer-Sektion des Vallhalla Memorial Parks in Hollywood zu Grabe getragen wurde, konnte unter den zahlreichen Trauergästen die wohl wichtigste Person seines Lebens nicht gesichtet werden. Stan Laurel, der kongeniale Partner des wohl berühmtesten Komiker-Duos der gesamten Kinogeschichte mit insgesamt 106 gemeinsamen Auftritten vor der Kamera in 97 Kurz- und 27 Langfilmen, musste seinem langjährigen Freund auf dringenden Rat seiner Ärzte hin das letzte Geleit verwehren.

Die Nachricht von „Babes“ Tod – Laurel hatte seinen Kollegen selbst bei öffentlichen Auftritten nur mit diesem Spitznamen angeredet, den Hardy laut eigenem Bekunden einem italienischen Barbier verdankte – hatte den selbst schon etwas kränkelnden Stan so sehr getroffen, dass er einen Nervenzusammenbruch erlitt und kurzzeitig sogar nicht mehr sprechen konnte. Eine Teilnahme an der Beisetzung war daher aus medizinischer Sicht ausgeschlossen.

„Das geht in Ordnung“, so Stan Laurels damaliger Kommentar. „Ich hätte dabei bestimmt etwas Komisches angestellt, und die Leute hätten das unpassend gefunden. Babe aber hätte es verstanden. Wo immer er jetzt auch ist – ich hoffe, er weiß, wie viele Menschen ihn geliebt haben.“


Norvell Hardy wurde am 18. Januar 1892 in Harlem, im US-Bundesstaat Georgia, geboren. Er brachte schon damals stolze 15 Pfund auf die Waage. Den Namen „Oliver“ sollte er erst 1914 im Andenken an seinen früh verstorbenen Vater annehmen und dabei gleichzeitig seinen aus dem Mädchennamen seiner Mutter Emily Norvell übernommenen Vornamen weitgehend ablegen. Nach der Übersiedlung ins rund 120 Kilometer entfernte Milledgeville versuchte die alleinerziehende Mutter, ihre Familie durch Leitung eines Hotels über Wasser zu halten. Nachdem der kleine Norvell den berühmten Sänger Enrico Caruso live erlebt hatte, begann er seine beachtliche Tenorstimme durch gelegentlichen Unterricht am Konservatorium in Atlanta zu schulen. Doch fehlte ihm letztlich die nötige Disziplin, die er nach Meinung seiner Mutter auch sonst häufig vermissen ließ. Nachdem er sich immer mehr zu einem singenden Stadtclown mit ganz passablen Nebenauftritten auf dem Baseballfeld entwickelt hatte, trotz seiner schon beachtlichen Körperfülle von angeblich 150 Kilogramm im Alter von 15 Jahren, wurde er von seiner Mutter auf eine Militärakademie geschickt.

Schon mit 15 Jahren
ein Schwergewicht

Dort hielt er es letztlich nicht lange aus, was auch für die Uni galt, wo er das gerade erst aufgenommene Jurastudium schnell wieder abbrach. Als 18-Jähriger nahm er einen Job als Filmvorführer, Reklamesänger, Kartenabreißer und Putzhilfe, sprich Mädchen für alles, im Lichtspielhaus „Electric Theatre“ seiner kleinen Heimatstadt Milledgeville an. Die bewegten Bilder in dem Stummfilmkino übten einen großen Reiz auf ihn aus. Er glaubte damals ganz selbstbewusst, dass er ebenfalls über das nötige Talent zur Schauspielerei verfügte. „Das, was manche dieser Komiker auf der Kino-Leinwand so zeigen, kann ich eigentlich auch“, sagte er.

Daher machte er sich 1912 kurz entschlossen auf in Richtung Jacksonville im Bundesstaat Florida. Die Stadt war das frühe Zentrum der gerade im Entstehen begriffenen Filmindustrie. Doch statt wie erhofft kleinere Filmrollen zu ergattern, konnte Hardy dank seiner Stimme nur einige Engagements für Bühnenshows und Varietés mit seinem „The Ton of Jollity“ getauften Programm an Land ziehen. Dann aber hatte er Glück, als die Lubin Company 1913 ausgerechnet einen dicken jungen Mann für eine Kurzfilmkomödie suchte. Für „Outwitting Day“ sollte Hardy mit gewaltigem Schnauzbart erstmals vor der Kamera stehen. Es folgten unzählige Kurzfilme, bei denen Hardy auf die immer gleiche Rolle des „Heavy“, des schwergewichtigen Bösewichts, gleichsam programmiert war.


Er machte die Runde durch mehrere Filmstudios, arbeitete beispielsweise für die Vim Comedy Company, für die King Bee Film Corporation, für die Essanay Company oder für Vitagraph, wo er von seinem Kollegen Larry Sermon mit dem Golfspiel-Virus infiziert wurde. Er drehte schon ganz früh per Zufall einen Streifen mit dem Titel „The Lucky Dog“, dessen genaues Entstehungsjahr unklar ist, wahrscheinlich 1920, gemeinsam mit Stan Laurel.

„Wir sind uns während der Dreharbeiten kaum begegnet“, sagte Stan Laurel im Rückblick, „da Babe eine viel kleinere Rolle spielte als ich. Unsere gemeinsamen Szenen wurden sehr schnell abgedreht, und keiner von uns dachte damals auch nur im Entferntesten daran, dass wir uns danach jemals wieder begegnen, geschweige denn Partner werden würden“.


Ab 1925 tauchten die Namen Hardy und Laurel dann plötzlich wieder beim gleichen Filmunternehmen auf. Nunmehr allerdings in Kalifornien, wo Hal Roach, der mit seinem Geburtsdatum am  14. Januar 1892 fast auf den Tag genauso alt wie Hardy war, in Culver City direkt neben Hollywood seine Hal Roach Studios etabliert hatte und mit ihnen bis in die 60er-Jahre hinein fast ausschließlich Komödien produzieren sollte, darunter berühmte Serien wie „Die kleinen Strolche“ ab 1922. Bevor Hardy und Laurel von Hal Roach ab 1927 ganz gezielt zum trotteligen Super-Duo aufgebaut wurden, hatte Hardy bereits in gut 270 Filmen mitgewirkt. Somit übertraf er Laurels Filmaktivitäten rein zahlenmäßig weit, denn Stan konnte lediglich rund 90 Leinwandeinsätze vorweisen.


Die Königsidee, der die beiden Komiker letztlich ihren Weltruhm verdankten, war die Entdeckung der Langsamkeit. Denn bis dahin waren die meisten Hollywood-Filme durch Tempo, Hektik und Chaos gekennzeichnet. Nun sollten Hardy und Laurel unter Anleitung ihres Regisseurs Leo McCarey beweisen, dass unterhaltsame Slapstick-Nummern, als deren Erfinder Hal Roach und dessen Hauptkonkurrent in der frühen Hollywood-Filmindustrie Mack Sennett gelten, nicht nur in Presto-Manier, sondern auch andante realisiert werden konnten. Auch wenn ganz am Anfang der Hardy-Laurel-Zusammenarbeit im Streifen „Die Schlacht des Jahrhunderts“ aus dem Jahr 1927 die größte Tortenschlacht der Filmgeschichte anstand. Später kam so manche riesige und ellenlange Zerstörungsorgien beim ewigen Scheitern der beiden Protagonisten an scheinbar einfachen Alltagsaufgaben hinzu, beispielsweise in „Zwei Matrosen“ aus dem Jahr 1928 oder „Das große Geschäft“ 1929. Aber viel zentraler war der fast kindliche Gerechtigkeitssinn, von dem sich die beiden Komiker immer leiten ließen und der dafür sorgte, dass keinerlei Ungerechtigkeiten in den Filmen ungestraft blieben – „Tit for Tat“, „Wie Du mir, so ich Dir“, wurde dieses Stilmittel bald genannt.

Größte Tortenschlacht der Filmgeschichte

Dem Duo, das von seinen Freunden meist nur „The Boys“ genannt wurde, gelang der ab 1927 in Hollywood eingeleitete Übergang zum Tonfilm problemlos, es konnte sogar 1932 für „Der zermürbende Klaviertransport“ einen Oscar als bester Kurzfilm gewinnen. Hardy und Laurel profitierten davon, dass beide Stimmen perfekt zu ihren feststehenden Charakteren passten. Das snobistische Südstaaten-Geknurre von Hardy stand dabei dem flachen, leicht schrulligen britischen Akzent von Laurel gegenüber. Hal Roach ließ Stan Laurel als dem kreativen Kopf des Duos im Studio meist freie Hand. Er spielte neben der Hardy vorbehaltenen Rolle des großspurigen Möchtegern-Mannes-von-Welt, des Elefanten im Porzellan-Laden, nicht nur den Part des kindlichen Trottels, sondern war oftmals auch für Co-Regie, Drehbuch, Schnitt und Gags verantwortlich.


Hardy war fraglos der bessere Schauspieler, der allerdings immer den Drehschluss herbeisehnte, um möglichst schnell Richtung Golfplatz oder Pferderennbahn verschwinden zu können. Hardys Markenzeichen sollten das Aufrollen der Krawatte von unten nach oben mit zwei Fingern, das elegante Hutschwenken, das vornehme Abstellen des kleinen Fingers beim Teetrinken, der treuherzige Blick in die Kamera und nicht zuletzt das ausdrückliche Telegraphieren eines kurz darauf anstehenden Lachers sein. Nach dem Bruch mit Hal Roach anno 1940 verloren die Filme der beiden Komiker deutlich an Qualität, waren aber wegen des Endes der reinen Slapstick-Ära ohnehin nicht mehr gefragt.

„Dick und Doof“
nur in Deutschland

Hardy und Laurel gingen deshalb Mitte der 40er-Jahre und später auch noch einmal Anfang der 50er-Jahre auf viel gefeierte Bühnentourneen in Großbritannien. Obwohl sie 1950 mit „Atoll K“ den wohl schlechtesten Streifen ihrer gemeinsamen Karriere drehten, wollte ein US-Fernsehsender 1955 eine Serie mit ihren besten Sketchen produzieren. Doch wenige Tage vor Drehbeginn erlitt Hardy, der nach der Pianistin Madelyn Saloshin die Schauspielerin Myrtle Reeves und zuletzt die Kollegin Virgina Lucille Jones geheiratet hatte, den ersten einer Serie von Schlaganfällen, vermutlich aufgrund einer ärztlich verordneten Radikaldiät.
Die Beinamen „Dick und Doof“ wurden dem Duo in den 70er-Jahren übrigens nur im deutschen TV verpasst, die übrige Welt liebte es schlichtweg als „Laurel und Hardy“.

Peter Lempert

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