Ernüchternde Bilanz
Ernüchternde Bilanz
16. Juni 2017

Kein Mensch soll Hunger leiden, niemand in einer Welt ohne Tropenwälder leben: Das waren die Ziele der UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio 1992. Nicht alles wurde erreicht – aber einiges ist besser geworden seit damals.

Vor 25 Jahren trafen sich die Regierungen von mehr als 170 Staaten zum Erdgipfel in Rio de Janeiro. Ihnen war klar: Die Zeit drängt. Entweder sie einigen sich auf weltweite Ziele für Umweltschutz und Entwicklung –
oder künftige Generationen würden leiden. Sie beschlossen im Juni 1992 ein über 350 Seiten dickes Dokument. Der Name: Agenda 21. Darin hatten sie einen Plan aufgeschrieben, um die Welt zu retten. Was wurde in dem Vierteljahrhundert seit der UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung erreicht? Eine Bestandsaufnahme.

KLIMA
Der Präsident des Inselstaates Kiribati hat vorgesorgt: Falls die gut 100.000 Einwohner seines Landes eines Tages vor dem ansteigenden Wasser fliehen müssen, gibt es einen Ausweichort. Auf den Fidschi-Inseln, mehrere tausend Kilometer entfernt, erwarb Anote Tong, der bis 2016 im Amt war, Land. Unrealistisch ist das Szenario nicht. Fünf kleine, unbewohnte Inseln der Salomonen sind wegen des steigenden Meeresspiegels bereits überspült, wie australische Forscher berichteten.
Weltweit häufen sich wegen des Klimawandels Extremwetter. Regenzeiten haben sich verschoben. 2016 war das dritte Jahr infolge mit Rekordtemperaturen. Der Wert lag rund ein Grad höher als vor der Industrialisierung. Fische wandern deshalb in Richtung der Erdpole, Pflanzen wachsen in höheren Berglagen.
Ziel der Klimarahmen-Konvention von Rio 1992 war es, eine für Mensch und Natur gefährliche Erderwärmung zu verhindern. Um das zu erreichen, beschlossen die Staaten 2015 in Paris, den Anstieg auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen. Das kann jedoch nur mit drastischen Einschnitten erreicht werden. Besonders beim Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2). Es entsteht auch bei der Verbrennung von Kohle, Öl und Gas. Ein Hoffnungsschimmer: Der energiebedingte Kohlendioxid-Ausstoß der Welt ist drei Jahre bei rund 32 Gigatonnen (32 Milliarden Tonnen) geblieben. Unklar ist, ob das eine Trendwende bedeutet.

WASSER
Wie kostbar sauberes Wasser ist, können sich viele Menschen in Industriestaaten gar nicht vorstellen. Dabei ist unverkeimtes Wasser eine Lebensversicherung. 2012 starben weltweit etwa 840.000 Menschen an den Folgen von dreckigem Wasser. Jedes zehnte Kind, das vor seinem fünften Geburtstag stirbt, erliegt einer Durchfallerkrankung. Verursacht werden sie oft durch verunreinigtes Wasser.
Immerhin: Auf kaum einem Gebiet hat die Welt so viele Fortschritte gemacht wie hier. 2,6 Milliarden Menschen haben seit 1990 Zugang zu saubererem Frischwasser erhalten, 2,1 Milliarden zu sanitären Einrichtungen. Verantwortlich dafür ist vor allem der wirtschaftliche Aufschwung in den Milliardenstaaten Indien und China.
So groß der Erfolg auch ist, es bleibt viel zu tun. Noch immer fehlt jedem dritten Erdbewohner der Anschluss an ein Abwassersystem.

WÄLDER
Eigentlich klangen die Nachrichten zum Thema Wald beruhigend: Der Schwund der Waldfläche verlangsame sich, meldete die Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen FAO im Jahr 2015. Seit 1990 ist der weltweite Waldbestand demnach nur um rund drei Prozent gesunken. Sollte das Ziel, die Abholzung zu bremsen und nachhaltiger mit Holz zu wirtschaften, also nahe sein?
Die Statistik trüge, widersprechen Waldschützer. Denn Holzfäller sind vor allem in natürlichen Wäldern am Werk, auch in besonders schützenswerten Regenwäldern. Gepflanzt werden aber häufig Plantagen.

ARTEN­STERBEN
Den Pyrenäen-Steinbock vermochte die Rio-Konferenz nicht zu retten. Das letzte Exemplar dieser Unterart, ein Weibchen namens Celia, starb im Jahr 2000.
Um gefährdete Tiere zu retten, hatten die Staaten in Rio eigentlich das „Übereinkommen über die biologische Vielfalt“ unterzeichnet, auch Artenschutz-Konvention genannt. Die Begeisterung unter Naturschützern war groß: Die Artenvielfalt wurde in einem Vertrag festgeschrieben, der für mittlerweile 196 Mitgliedsstaaten rechtlich bindend ist. Nur die USA sind als einziges großes Land nicht beigetreten.
Zehn Jahre nach Rio setzten sich die Länder dann ein Ziel: Bis zum Jahr 2010 sollte die damalige Geschwindigkeit des Artensterbens deutlich reduziert werden. Das wurde verfehlt. Noch immer starben jeden Tag mehrere Dutzend Arten aus. So beschlossen die Länder 2010 in Japan, das Artensterben bis zum Jahr 2020 zu stoppen. Doch auch dies scheint derzeit kaum erreichbar zu sein.

HUNGER
795 Millionen Menschen auf der Welt haben zu wenig zu essen. Das ist eine skandalös hohe Zahl, und doch zeigt sie, wie viel Fortschritt seit 1992 gemacht wurde. Obwohl sich die Weltbevölkerung seither um mehr als ein Drittel vergrößerte, sank die Zahl der Unterernährten deutlich. Das gilt auch für die am stärksten betroffenen Staaten. 1992 war noch fast jeder vierte Mensch in den Entwicklungsländern unterernährt (23,3 Prozent). Heute beträgt der Anteil knapp 13 Prozent. Eine Hauptursache war das Wirtschaftswachstum.
Das nächste erklärte Ziel der Weltgemeinschaft: den Hunger bis 2030 von der Erde zu tilgen. Organisationen wie die Welthungerhilfe kritisieren allerdings, dass beim derzeitigen Tempo das Ziel nicht erreicht werden kann.

PLASTIK
Als bedrohlichste Umweltveränderung sehen die meisten Deutschen derzeit den Plastikmüll in den Weltmeeren an. Er rangiert knapp vor Waldrodung, Artensterben und Klimawandel, wie aus einer Umfrage des Umweltministeriums hervorgeht. Eindrückliche Bilder von verhungerten Vögeln mit Mägen voller Plastik und durch Plastikringe verformte Schildkröten zeigen die Qualen der Tiere. In einer Studie wurde Plastik in 40 Prozent der Seevögel entdeckt.
Die Plastikproduktion stieg von 1,5 Millionen Tonnen im Jahr 1950 auf derzeit rund 300 Millionen Tonnen – mindestens acht Millionen Tonnen davon landen jährlich im Meer. Dort zerbröselt Plastik in winzige Teile, die von Tieren aufgenommen werden. Die Gefährlichkeit des Ganzen ist noch nicht vollkommen geklärt. Krebserregende Weichmacher aus dem Plastik finden sich aber sogar an den Polkappen und in Tiefseekrebsen in rund 10.000 Metern Tiefe.
Die Agenda 21 forderte, Kunststoffe möglichst zu recyceln und Meere vor Plastik und Chemikalien zu schützen. Es gibt punktuelle Erfolge: So dürfen zum Beispiel viele besonders gefährliche, langlebige Stoffe (POP), zu denen auch einige Weichmacher im Plastik zählen, nicht mehr produziert werden. Vielerorts geraten Plastiktüten in Verruf.

WÜSTEN
Zu wenig Geld, zu wenig Konzepte, zu wenig Engagement: Die Konvention zur Bekämpfung der Wüstenbildung gilt als gescheitert. Statt über konkrete Maßnahmen diskutierten die Staaten in den ersten Jahren vor allem über Abläufe, Institutionen und immer wieder: Geld.
Währenddessen werden immer mehr Böden unfruchtbar, verursacht durch den Klimawandel und Übernutzung: Bauern, die nicht nachhaltig arbeiten können, lassen das Land veröden. Gerade die ärmsten Länder sind am stärksten betroffen, etwa die Staaten südlich der Sahara. Weltweit geht jedes Jahr eine Fläche verloren, die so groß ist wie Niedersachsen und Bayern zusammen.

BEVÖLKERUNGS­WACHSTUM
Die Spezies Mensch hat sich mit über 7,5 Milliarden Individuen auf der Erde ausgebreitet – und dabei ungezählte Arten verdrängt. Jährlich werden es derzeit 84 Millionen Menschen mehr. Das ist in etwa die Einwohnerzahl Deutschlands. Zu den Gründen zählt die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung: Die Menschen werden immer älter, eine hohe Kinderzahl ist in armen Ländern eine Absicherung fürs Alter wie früher in Europa, und jede vierte Frau in Entwicklungsländern kann nicht verhüten, obwohl sie es möchte.
Allerdings: Die Zahl der Kinder pro Frau geht deutlich zurück. Von rund drei im Jahr 1992 auf 2,5 im Jahr 2015 (Zum Vergleich: Deutschland 1,4). Wie sich die Bevölkerung entwickelt, ist schwer vorherzusehen: Der UN-Bevölkerungsfonds schätzt, dass es im Jahr 2100 zwischen sieben und 17 Milliarden Menschen geben wird. Wichtig seien Bildung, der Zugang zu Verhütungsmitteln, Armutsbekämpfung und eine bessere Gesundheitsversorgung.


Jan Ludwig und Simone Humml

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