Für die Ewigkeit
Für die Ewigkeit
4. August 2017

Im digitalen Zeitalter setzt man im öster­reichi­schen Hallstatt ausgerechnet auf ein über Jahrtausende erprobtes analoges Speicher­medium für das Menschheitserbe: Tontafeln.

Unter dem Schlagwort „Digital Dark Age“ macht das Phänomen bereits seit Ende der 90er-Jahre seine Runde in Institutionen oder bei Berufszweigen, die sich mit der Langzeitarchivierung menschlichen Wissens beschäftigen. Vergleichbar dem Verlust herausragender Kulturgüter der Antike im Laufe des europäischen Mittelalters, Stichwort „Dark Ages“, befürchten Bibliothekare, Archivare, Geschichtswissenschaftler oder auch Informatiker ein ähnliches Desaster in der nahen Zukunft. Denn alles wird nur noch digital archiviert – mit Hilfe einer Technik, die so schnell voranschreitet, dass Soft- wie Hardware in immer kürzeren Abständen ausgewechselt werden müssen. Viele Daten können allein schon beim Übertragen in neue Formate oder Strukturen verlorengehen, die Originale gänzlich verschwinden.


Selbst vermeintlich sicher digital gespeicherte Daten können, wenn sie nicht regelmäßig überprüft, bei Bedarf auf neue Träger kopiert und die Formate umgewandelt werden, ihre Lesbarkeit verlieren. So schon geschehen in ganzen Abteilungen der National Archives der USA. Oder noch prominenter bei der US-Raumfahrtbehörde Nasa, die beim Versuch, die Magnet-Bänder mit der Aufzeichnung der ersten Marslandung anno 1976 abspielen zu wollen, alarmiert feststellen musste, dass die neuen Geräte das alte Format weder lesen noch konvertieren konnten und die einstigen Programmierer größtenteils nicht mehr greifbar waren. Selbst aus dem Alltag werden aller Wahrscheinlichkeit nach kaum schriftliche oder bildliche Zeugnisse für die Nachwelt erhalten bleiben, weil das Schreiben von Briefe  oder das Führen von Fotoalben weitgehend der Vergangenheit angehören.

Fazit: Je moderner Speichermedien sind, desto schneller vergänglich sind sie auch. Die Steintafeln der Sumerer mit ihrer Keilschrift sind dagegen noch nach über 5.000 Jahren studierbar. Schriften oder Bilder auf Pergament können Jahrhunderte, Kulturgüter auf Papier, je nach Qualität, bis zu 100 Jahre überdauern. Wenn jemand ein Wissensarchiv der Menschheit für die Ewigkeit aufbauen und damit zugleich dem digitalen Vergessen den Kampf ansagen möchte, scheint es fast logisch, dass er sich wie der Gmundner Keramiker und Künstler Martin Kunze für das robusteste, dauerhafteste Material entscheiden würde: Ton, der zu Steintafeln gebrannt wird. Auf diese können mit Hilfe einer neuen Technik Farbbilder oder Schriftzeichen mit Laserdruckern aufgeprägt werden. Danach geht’s noch mal in den Brennofen, die Tafeln werden glasiert und dadurch mit einer festen Schutzschicht überzogen. Sie sehen aus wie ein quadratisches Buch, fühlen sich beim Drüberstreichen aber an wie Badezimmerkacheln. „Die technische Haltbarkeit der Kacheln ist praktisch unbegrenzt“, so Kunze. „Aus heutiger Sicht kann man von einem Archiv für die Ewigkeit sprechen.“

einige Zehn-tausend jahre

Das Archiv wurde im Mai 2013 gleich im ältesten Bergwerk der Welt eingerichtet und zwar im Salzberg des oberösterreichischen Hallstatt, wo Menschen schon vor 7.000 Jahren Mineralien abgebaut hatten. Mit seinem „Memory of Mankind“, kurz Mom, getauften Projekt möchte Kunze die wichtigsten Daten unserer Zivilisation für Erdenbewohner in ferner Zukunft aufbewahren. Wobei Kunze nicht in Jahrhunderten, sondern in Jahrtausenden denkt. Sprich, im Unterschied etwa zur deutschen Bundesregierung, die in Stollen eines ehemaligen Silberbergwerks bei Oberried im Schwarzwald die wichtigsten Dokumente deutscher Geschichte auf Mikrofiche in 1.400 Edelstahlfässern für lediglich 500 Jahre eingelagert hat, möchte Kunze mit seinem Mom schon einige Zehntausend Jahre überstehen.


Seinem Archiv können dank seiner speziellen Lagerstätte auch gewaltige Katastrophen oder Fast-Weltuntergänge kaum etwas anhaben. Das Salz liegt wie ein elastischer Kern im Berg, bei gewaltigen Explosionen etwa infolge eines Asteroideneinschlags oder dem Ausbruch eines Supervulkans könnten die Minerallager wie ein Stoßdämpfer wirken. Mit dem Auffüllen seines Archivs muss sich Kunze etwas beeilen, denn die dafür vorgesehene Felskammer wird sich in spätestens 40 Jahren von selbst verschlossen haben. Und das Salz wird im Laufe der Zeit zusätzlich eine schützende Schicht aus Kristallen über die in Kisten aus Keramik lagernden Tafeln legen. Kunzes Planungen sehen daher einen Abschluss seines Projekts im Laufe einer Dekade vor.


Da Mom weder vom österreichischen Staat noch von der Unesco unterstützt wird, ist Kunze auf die Finanzierung durch Privatpersonen angewiesen. Jeder kann nach freiem Gusto einreichen, was seiner Meinung nach aufbewahrt werden soll. Ganz egal ob es sich dabei um ein Hochzeitsfoto, eine Diplomarbeit oder um eine Firmengeschichte handelt. Gegen eine Gebühr von 150 Euro dürfen die Spender eine Tafel von 20 mal 20 Zentimetern gestalten, die dann im Archiv eingelagert wird. Die Spender erhalten ein Zertifikat und einen „Token“, eine rohe Tonmünze, auf der der Hallstätter See und seine Lage in Europa abgebildet sind. Für 350 Euro gibt es zusätzlich ein Duplikat der persönlichen Tontafel in einer Geschenkbox. Für 1.000 oder gar 5.000 Euro hält Kunze noch weitere Überraschungen bereit.

Neben diesen individuellen Tafeln sollen, gewissermaßen von diesen gesponsert, unter den Schlagwörtern „Allgemeiner Inhalt“ und „Spezifischer Inhalt“ auch wichtige Magazine, Leitartikel renommierter Zeitungen, Abbildungen bedeutender Museumsexponate, wissenschaftliche Arbeiten von Rang oder zentrale Werke der Weltliteratur archiviert werden. Für große Textmengen wurde ein „keramischer Mikrofilm“ entwickelt, mit dessen Hilfe auf einer normalen Tafel fünf 400-Seiten-Bücher Platz finden können. Ein besonderes Anliegen ist es Kunze auch, dass in seinem Archiv genaue Angaben über die Atommüll-Lager für spätere Generationen festgehalten werden. Dies ist ein nicht zu unterschätzendes Problem, mit dem sich längst auch schon in Paris die Nuclear Energy Agency innerhalb der OECD beschäftigt.

Damit der Standort des Moms selbst in Tausenden von Jahren nicht in Vergessenheit geraten kann, vertraut Kunze vor allem auf die ausgegebenen „Token“. „Wer uns findet, muss ein exaktes Koordinatensystem beherrschen“, so Kunze, „und präglaziale Landschaften rekonstruieren können. Es werden keine absoluten Trottel sein.“ Wobei die Token nur einen Hinweis auf den Eingang geben, den genauen Weg im Inneren bis zum Archiv selbst müssen künftige hoch entwickelte Gesellschaften mittels eines Ariadnefadens aus 1.000 Tafeln finden. Wobei zusätzlich eingebaute mathematische Rätsel dafür Gewähr leisten sollen, dass keinesfalls Menschen auf Steinzeit-Niveau das Mom-Archiv entdecken könnten.


Peter Lempert

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