Fräulein Vorhand  erobert die Tenniswelt
Fräulein Vorhand erobert die Tenniswelt
11. August 2017

Am 17. August 1987 tauchte mit der damals 18-jährigen Steffi Graf erstmals eine Deutsche an der Spitze der Damentennis-Weltrangliste auf. Sie sollte diese Position insgesamt 377 Wochen einnehmen – nur einer von vielen Rekorden der Brühlerin mit dem Golden Slam 1988 als Karriere-Höhepunkt.

Steffi Graf war im August 1987 mit einer beeindruckenden Saisonbilanz zum Hartplatz-Turnier der Women’s Tennis Association (WTA) nach Manhattan Beach bei Los Angeles gereist. Bis zur Niederlage gegen Martina Navratilova im Wimbledon-Endspiel hatte sie alle 44 Matches für sich entscheiden können und bei den French Open als bis dahin jüngste Spielerin sogar ihren ersten Grand-Slam-Titel gewonnen. Schon im Wimbledon-Finale war es auch um die Führung in der WTA-Tennis-Weltrangliste gegangen. Doch auf dem sogenannten heiligen Rasen hatte die amerikanische Tennis-Ikone, die das Ranking im jahrelangen Dauerduell mit ihrer Landsfrau Chris Evert anführte, noch die Oberhand behalten können. Der Machtwechsel in der Damen-Tenniswelt wurde allerdings schon wenig später, am 16. August 1987, vollzogen. Denn mit ihrem ungefährdeten Zweisatz-Triumph über Chris Evert im kalifornischen Finale konnte Steffi Graf Martina Navratilova von ihrem Stammplatz verdrängen. Einen Tag später wurde sie erstmals als Nummer eins der Weltrangliste geführt. Bis zum 10. März 1991, als die durch den Rummel um die Nacktmodell-Affäre ihres Vaters Peter sichtlich angeschlagene Steffi Graf nach einer Finalniederlage in Boca Raton gegen die Argentinierin Gabriela Sabatini von Monica Seles an der Spitze abgelöst wurde, sollte sie diese Position ununterbrochen über 186 Wochen behaupten. Ein Rekord, der lange Bestand hatte und erst 2016 von der US-Amerikanerin Serena Williams egalisiert werden konnte. Ein weiterer Rekord scheint jedoch Ewigkeitswert zu besitzen: Der Name Steffi Graf stand insgesamt 377 Wochen lang ganz oben auf der WTA-Weltrangliste.

Mit 13 Jahren bereits
in der Weltrangliste

Schon im Alter von zarten vier Jahren hatte die am 14. Juni 1969 in Mannheim geborene Stefanie Maria Graf im Hobbykeller ihres elterlichen Hauses im badischen Brühl erstmals Bälle gegen die Wand gedroschen, wofür sie einen Tennisschläger mit abgesägtem Griff benutzt hatte. Daraus sollte sich über die Jahre die berühmteste, ebenso präzise wie harte, Vorhand der Damen-Tennis-Geschichte entwickeln und ihr später den Spitznamen „Fräulein Vorhand“ einbringen. Schon mit neun Jahren sorgte sie durch ihren Sieg beim renommierten Jüngsten-Turnier in München für erstes Aufsehen. Zwei Jahre später wurde sie durch den Gewinn der „Orange Bowl“ in Miami/Florida so etwas wie inoffizielle Weltmeisterin ihrer Altersklasse. Ebenfalls noch 1981 wurde sie im französischen Blois Europameisterin der Mädchen „unter zwölf Jahren“ und triumphierte gegen wesentlich ältere Konkurrenz bei der Deutschen Jugendmeisterschaft „unter 18 Jahren“. Mangels echter Gegnerinnen nahm sie 1981 als Elfjährige bereits bei den deutschen Hallenmeisterschaften der Erwachsenen teil und brachte dabei die deutsche Weltranglisten-Achtzigste Eva Pfaff in einem Dreisatz-Match an den Rand einer Niederlage. Die Fachpresse ernannte sie daraufhin zum „Wunderkind“. Der damalige Bundestrainer Klaus Hofsäss, der mit Steffi Graf 1987 und 1992 den Federation-Cup, die Weltmeisterschaft für Damentennis-Nationalmannschaften, gewinnen sollte, bezeichnete sie als das größte Talent, das es in Deutschland im Weißen Sport jemals gegeben habe.

Auf Betreiben ihres Vaters, der sich beruflich längst ganz auf die Betreuung seiner Tochter konzentrierte, wurde sie am 12. Oktober 1982 mit 13 Jahren Profi und zum Jahresende erstmals auf der WTA-Rangliste auf Position 214 geführt. Bei ihrem Profi-Debüt beim Hallenturnier in Filderstadt im Herbst 1982 setzte es eine derbe Niederlage gegen die Amerikanerin Tracy Austin. Bei den French Open 1983 kam sie zwar nicht über die zweite Runde hinaus, aber mit ihrer Vorhand sorgte sie schon damals für Aufsehen. Die Slice-Rückhand der Rechtshänderin war allerdings noch steigerungsfähig. Ende 1983 war sie in der WTA-Rangliste bereits auf Position 98 geklettert und hatte dank einer Sondergenehmigung des Landes Baden-Württemberg die Realschule mit der Auflage künftigen Privatunterrichts verlassen dürfen. 1984 hatte sie das olympische Tennis-Demonstrationsturnier gewonnen und am 21. Oktober 1984 ihr erstes Profi-Finale erreicht, das sie jedoch in Filderstadt gegen die Schwedin Catarina Lindqvist glatt verlor. In der Weltrangliste ging’s rauf bis auf Platz 22.

1985 erreichte Steffi Graf drei Endspiele, die sie allerdings allesamt verlor. In Paris und Wimbledon war jeweils im Achtelfinale Endstation, bei den US-Open schaffte sie hingegen erstmals den Einzug ins Halbfinale eines Grand-Slam-Turniers. Martina Navratilova war allerdings noch zu stark. Dennoch reichte das Punktesammeln für Platz sechs der WTA-Liste. Am 17. März 1986 war Graf bis auf den dritten Platz der Weltrangliste vorgerückt. Erstaunlich, weil sie bis zu diesem Zeitpunkt noch keinen einzigen Sieg bei einem WTA-Turnier errungen hatte.

In allen 13 Turnieren 1987 im Finale

Das sollte sich am 13. April 1986 ändern, als sie im Finale von Hilton Head Island ihren ersten von insgesamt 107 Turniererfolgen feiern konnte. Und zwar gegen Chris Evert, die jedoch in der ewigen WTA-Tour-Bestenliste ihre Position mit 154 Titeln ebenso wie Navratilova mit sagenhaften 167 Titeln vor Graf behaupten sollte. Noch in einer weiteren Statistik sollte Chris Evert ihre deutsche Kollegin auf Distanz halten können. An ihre Erfolgsquote von 90 Prozent, resultierend aus 1.309 Siegen und 146 Niederlagen im Einzelwettbewerb, konnte nicht einmal die Gräfin mit 88,7 Prozent aus 900 Siegen und 115 Niederlagen heranreichen. Bei den German Open 1986 in Berlin konnte Graf im Finale erstmals Navratilova schlagen, die sich jedoch mit Siegen im Halbfinale der US-Open und im Finale der WTA-Championships, die Steffi Graf später fünfmal gewinnen sollte, revanchierte.


Das Jahr 1987 brachte den endgültigen Durchbruch an die Weltspitze. Graf erreichte in jedem der 13 Turniere, das sie spielte, das Finale. Von 77 Matches verlor sie nur zwei, beide gegen Navratilova – in Wimbledon und bei den US-Open. 1988 folgte dann mit dem Golden Slam der größte Coup ihrer Karriere: der Gewinn aller vier Grand-Slam-Turniere innerhalb eines Jahres und dazu noch als Krönung am 1. Oktober 1988 die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in Seoul durch den Finalsieg gegen Gabriela Sabatini. Vor Graf hatten nur die Amerikanerin Maureen Connolly 1951 und die Australierin Margaret Smith Court 1970 einen Grand-Slam geschafft. Beim Finale der French Open hatte Graf die Russin Natalia Zwerewa im kürzesten Grand-Slam-Finale der Damen-Tennisgeschichte in 34 Minuten mit der Höchststrafe von 6:0, 6:0 vom Platz gefegt.

Steffi Grafs zweiten Grand-Slam verhinderte 1989 die Spanierin Arantxa Sanchez Vicario durch einen Drei-Satz-Sieg gegen die Brühlerin bei den French Open. Dennoch ließ sich aus Grafs Jahresbilanz mit 86 Siegen und zwei Niederlagen, die zweitbeste der Tennisgeschichte, ihre Dominanz im Damentennis ablesen. In den Jahren 1990, 1991 und 1992 gab es einen kleinen Karriereknick mit nur jeweils einem Sieg bei den Grand-Slam-Turnieren und der überraschenden Endspiel-Niederlage gegen die Amerikanerin Jennifer Cipriati bei den Olympischen Spielen von Barcelona 1992. 1993 meldete sich Graf dann umso eindrucksvoller zurück, schaffte einen „unechten“ Grand Slam nach Gewinn der Australian Open Anfang 1994, nachdem sie im Jahr davor bei den drei anderen wichtigen Events triumphiert hatte. 1995 und 1996 holte sie jeweils den Titel in Paris, Wimbledon und New York, nur auf die Australian Open musste sie verletzungsbedingt verzichten.


So waren überhaupt ab Mitte der 90er-Jahre körperliche Verschleißerscheinungen nicht mehr zu übersehen. Dazu wurde ihre Karriere von der Affäre wegen Steuerhinterziehung überschattet. Am 2. August 1995 wurde ihr Vater verhaftet und 1997 zu drei Jahren und neun Monaten Freiheitsstrafe verurteilt. Das Ermittlungsverfahren gegen Steffi Graf wurde gegen Zahlung einer millionenschweren Geldbuße eingestellt. In den Jahren 1997 und 1998 war sie kaum mehr auf der WTA-Tour zu sehen. 1999 schaffte Steffi Graf, die fünfmal zu Deutschlands Sportlerin des Jahres, achtmal von der WTA zum „Player of the Year“ und siebenmal von der International Tennis Federation (ITF) zum „World Champion“ gekürt wurde, durch den Sieg bei den French Open gegen die Weltranglistenerste Martina Hingis ein Comeback.

Zwei Kinder
mit Andre Agassi

Es sollte der letzte ihrer insgesamt 22 bei Grand-Slam-Turnieren gewonnenen Titel im Dameneinzel werden: viermal Australian Open, sechsmal French Open, siebenmal Wimbledon, fünfmal US-Open. Damit belegt sie hinter Margaret Smith Court (24) und Serena Williams (23) bis heute den dritten Platz. Nachdem sie im Wimbledon-Endspiel gegen die Amerikanerin Lindsay Davenport den Kürzeren gezogen hatte, verkündete sie am 13. August 1999 ihren Rücktritt vom Profitennis, mit dem sie ein Preisgeld von knapp 22 Millionen verdient hatte – vergleichsweise wenig im Vergleich zur Rekordhalterin Serena Williams mit bislang  85 Millionen Dollar. Im Oktober 2001 heiratete das Tennisidol mit dem Gardemaß von 1,76 Meter den amerikanischen Tennisprofi Andre Agassi. Das Paar lebt in Las Vegas und hat zwei Kinder.


Peter Lempert

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