Intelligente  „Aliens“
Intelligente „Aliens“
2. Juni 2017

Kraken oder Oktopusse haben nicht nur rein körperlich außergewöhnliche Merkmale wie drei Herzen oder ein bis in die Extremitäten verästeltes Gehirn. Sie zeichnen sich auch durch einen verblüffend hohen Grad an Intelligenz aus und haben offenbar so etwas wie Persönlichkeit und Selbstbewusstsein entwickelt.

Der renommierte britische Zoologe und Experte für Kopffüßer Martin Wells hatte mal vor einigen Jahren Kraken als „Aliens“ bezeichnet. Als Außerirdische also, weil sie so ganz anders sind als alle anderen uns bekannten Tiere. Schon allein einige anatomische Details wie acht Arme, drei Herzen und ein Gehirn, das nicht nur im Kopf angesiedelt, sondern bis in die äußersten Extremitäten verästelt ist, scheinen diese Weichtiere, deren Entwicklung mindestens 500.000 Millionen Jahre zurückreicht und die inzwischen in allen Ozeanen heimisch sind, als nicht zu dieser Welt gehörig auszuweisen.

Bis 1992 hatten Biologen den Kraken, die gemeinsam mit den zehnarmigen Kalmaren und Sepien zu den rund 800 Arten der Kopffüßer zählen, die wiederum eine Untergruppe der Weichtiere bilden, nicht wesentlich mehr Geist zugetraut als ihren nächsten Verwandten, den Schnecken und Muscheln, getreu dem Motto: keine Gräten, kein Grips. Damals konnten zwei italienische Forscher nachweisen, dass Kraken nach mehreren Versuchen in Erinnerung behalten konnten, wo als Fressbelohnung dienende Fischstückchen versteckt waren. Und dass eine zweite Gruppe von Oktopussen durch alleiniges Beobachten ihrer Artgenossen in Windeseile erlernen konnte, unter welchen Behältnissen sich die Köder befanden. Inzwischen ist es wissenschaftliches Gemeingut, das Gehirn der Kopffüßer als hoch differenziert und hoch entwickelt einzustufen. Was die Kraken, wie zahlreiche Experimente bewiesen haben, sogar in die Lage versetzt, Probleme zu lösen, zu lernen, zu planen, sich zu erinnern und sogar einem Spieltrieb zu frönen: anspruchsvolle geistige Aufgaben, die früher neben dem Menschen allenfalls einigen Wirbeltieren zugetraut wurden. Mittlerweile glauben viele Forscher sogar, dass die Oktopusse die höchste Form des Geistes entwickelt haben: Persönlichkeit und Selbstbewusstsein.

deutlich mehr gene als wir menschen

„Der Oktopus scheint sich genetisch wesentlich von allen anderen Lebewesen zu unterscheiden“: Zu diesem verblüffenden Ergebnis, das die natürlich nicht ganz ernst gemeinte Aliens-These bestätigt,  waren unlängst US-Wissenschaftler der Universität von Chicago nach Entschlüsselung des Erbguts einer kalifornischen Krakenart gekommen. Der Chromosomensatz sei zwar etwas kleiner als der eines Menschen, enthalte aber dafür mit insgesamt 33.000 Genen deutlich mehr als unser Erbgut. Besonders eine Genfamilie, die unter anderem für die Interaktion der Neuronen verantwortlich sei, sei stark vergrößert gewesen, zehn Mal so groß wie bei anderen wirbellosen Tieren und doppelt so groß wie bei vielen Säugetieren. „Wir glauben, dass diese Gene die neuronale Komplexität wirbelloser Tiere auf ein neues, vorher unerreichtes Niveau gehoben haben“, vermuten die Forscher.    

Zudem konnten die Forscher auch noch verschiedene andere krakenspezifische Gene identifizieren, die vermutlich für das Sehen, den Geschmackssinn der Saugnäpfe und die Camouflage-Verfärbung der Haut verantwortlich sind. Gleichzeitig sei das Genom strukturell ungeordnet, es gebe keine Gruppen von Genen mit ähnlichen Aufgaben: „Abgesehen von einigen bemerkenswerten Ausnahmen hat der Krake ein mit anderen Wirbellosen vergleichbares Genom, aber es ist komplett umorganisiert, als hätte man es in einen Mixer gesteckt.“ Und das Genom der Kraken besitzt eine Besonderheit, die kein anderes Lebewesen aufweisen kann. Es besitzt „springende Gene“, die sich je nach Bedarf blitzschnell innerhalb des Genoms neu ordnen können – eine unglaublich fortschrittliche Biologie. Was die unnachahmlichen Fähigkeiten der Oktopusse, sich Veränderungen der Umwelt jederzeit perfekt anpassen zu können, erklären mag.


Eigentlich ist es mehr als erstaunlich, dass die Wissenschaft so lange übersehen konnte, wie klug die skurril anmutenden, in allen Größen, Farben und Formen von wenigen Zentimetern bis hin zu sieben Metern Spannweite existierenden Meeresbewohner sind, die zur Gruppe der achtarmigen Tintenfische gehören. Denn allein schon ihre Bewegungsmuster oder ihre Verteidigungs- und Jagdstrategien lassen eigentlich auf ein beträchtliches Denkvermögen schließen. Dass sie wie der Mensch über zwei „Kameraaugen“ verfügen, die aus einer Art Gehäuse mit Augenflüssigkeit bestehen, sei am Rande angemerkt, es ist eine der wenigen übereinstimmenden Analogien. Beim Kraken gibt es nicht die übliche Trennung von Körper und Geist, niemand kann sagen, wo das Gehirn anfängt oder endet. Das Netzwerk der Neuronen zieht sich durch den gesamten Körper, es funktioniert fast wie ein körpereigenes Internet. Insgesamt rund 500 Millionen Nervenzellen, von denen zwei Drittel in den Extremitäten stecken, machen die Tiere nicht nur außerordentlich beweglich, sondern verleihen ihnen auch ein gehöriges Maß an Intelligenz.

wo fängt das gehirn an,
wo endet es?

Wobei man sie nicht als klug nach konventionellen menschlichen Maßstäben einschätzen kann. Doch sie sind zu verblüffenden kog­nitiven Leistungen fähig, die sie als Einzelgänger nicht durch die Beobachtung anderer erlernen können. Was im Gehirn eines Kraken vorgeht, wenn er Kokosnussschalen zu einem schützenden Panzer zusammenfügt, Steinchen sammelt, um den Eingang seiner Zufluchtshöhle zu verkleinern, oder scheinbar mühelos Schraubverschlüsse von Behältnissen mit seinen Armen öffnet, weiß man nicht. Auch nicht, warum Kraken mit ihrer körpereigenen Düse leere Dosen durchs Aquarium schießen oder sogar mit der gleichen Dose Pingpong gegen den Strudler des Beckens spielen. Ebenso wenig können wir wissen, ob die Arme als autonome Hirnareale funktionieren. Wenn ja, könnte das vielleicht erklären, wie sich acht gleichberechtigte Extremitäten überhaupt koordinieren lassen, ohne sich ständig in die Quere zu kommen. Es hat den Anschein, als werde immer ganz spontan entschieden, welcher Arm auf welche Weise völlig frei in welcher Richtung auch immer gerade bewegt werden soll. Anders als bei vielen anderen Lebewesen werden die Gliedmaßen nicht in einem wiederkehrenden Rhythmus bewegt. Die Mehrzahl der Wissenschaftler geht davon aus, dass die Saugnapfträger über ein Kurz- und Langzeitgedächtnis verfügen, spielerisch ihre Umwelt erkunden können, die Fähigkeit besitzen, Individuen einer anderen Spezies zu erkennen, und auch dazu in der Lage sind, ureigene Persönlichkeitsmerkmale zu entwickeln.

Berühmt sind die Kraken und ihre Verwandten natürlich auch wegen ihrer Verteidigungstechniken. Bei Gefahr pflegen sie aus ihrem Tintensack eine dunkle Farbwolke herauszustoßen, die vorwiegend aus Melanin besteht. Im Schutz dieses Nebels können sie dann mit Hilfe eines Wasserstrahls davon schießen, den sie ruckartig aus dem ihre Eingeweide umschließenden Hautmantel herausgepresst haben. Unübertroffen sind Kraken aber auch in der Kunst der Tarnung. Sie können sich in Windeseile an Struktur und Farbe ihrer Umwelt anpassen, dank elastischer, mit Farbpigmenten gefüllten Zellen, die in den äußeren Schichten der Oktopus-Haut eingebunden sind. Winzige Muskeln können diese Farbsäckchen rasch zusammenziehen oder auch dehnen, sodass sie mal deutlich sichtbar sind, ein andermal fast verschwunden erscheinen. Die genaue Anpassung an das Umfeld wird durch spezielle Proteine in der Haut, ähnlich den Sehpigmenten von Augen, geregelt.

Peter Lempert

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