König der Coolness
König der Coolness
2. Juni 2017

Am 7. Juni wäre einer der größten Entertainer unserer Zeit 100 Jahre alt geworden. Dean Martin war als Komiker ebenso hochtalentiert wie als Schauspieler, Sänger und TV-Moderator. Auch sein unkonventioneller Lebenswandel trug zweifelsohne viel zu seiner Legendenbildung bei.

Er war ein exzellenter Komiker, am besten an der Seite von Jerry Lewis, ein elegant untertreibender Filmschauspieler mit bemerkenswerten Darbietungen in „Rio Bravo“ oder „Küss mich, Dummkopf“ und fraglos einer der größten und nachweislich der bestverdienende Entertainer der USA. Er begeisterte mit legendären Auftritten im Spielerparadies Las Vegas und einer eigenen TV-Show, die in Amerika zeitweise Einschaltquoten von sagenhaften 38 Prozent erzielen konnte. Nicht zu vergessen, dass er mit seiner unvergleichlich butterweichen Bariton-Stimme auch noch zum Godfather des sogenannten Croonertums aufsteigen und mit Hits wie „Everybody Loves Somebody (Sometimes)“ die Charts stürmen sollte.

Die Rede ist von Dean Martin, der vor 100 Jahren unter dem Namen Dino Crocetti am 7. Juni 1917 als zweiter Sohn einer Familie mit italienischen Wurzeln in Steubenville im Bundesstaat Ohio geboren wurde. Später wurde er neben seinem guten Freund Frank Sinatra und Sammy Davis Jr., die mit ihm das berühmte „Rat Pack“ der 60er-Jahre bildeten, von der Nation als einer der „konsequentesten Kampftrinker und erfolgreichsten Weiberhelden des Landes“ – so der „Spiegel“ – gefeiert. Seinen Spitznamen „King of Cool“ verdankte Dean Martin übrigens keinem Geringeren als Elvis Presley, womit dieser auf die scheinbar spielerische Leichtigkeit und lockere Entspanntheit anspielte, mit der Martin auf der Bühne oder beim Film zu agieren pflegte.

„Im Nichtstun ist Dean der Größte“

Er liebte es, sich selbst zu inszenieren, wobei der „Drunk Act“ ab 1958 zu seinem Markenzeichen wurde. Dean Martin ließ sich ganz offiziell bei jedem Bühnenauftritt als Star ankündigen, der „straight from the bar“ sein Programm in schon mehr oder weniger angesäuseltem Zustand abspulte. In einer Hand ein Whiskyglas, in dem sich häufig angeblich Apfelsaft befunden hatte, in der anderen die ewig glimmende Zigarette. Ob Martin tatsächlich ein gravierendes Alkoholproblem hatte oder ob er den scheinbar ständigen Suff nur ganz clever als Stilform von erfolgreichen Mimen wie W. C. Fields übernommen hatte, ist bis heute umstritten.


Der große Frank Sinatra, der Martin schon 1943 kennenlernte, hielt Gerüchte um den exzessiven Alkoholkonsum seines Freundes, den er bewunderte und dessen Gesellschaft er suchte, für spaßhaft übertrieben. Allerdings pflegte Martin sein Leben ein halbes Jahrhundert lang aus vollen Zügen zu genießen und beschränkte die Arbeitszeit auf das absolut Nötigste. Mehr als gelegentlich zwei Stunden Gags oder Songs auf der Bühne waren nicht drin, auf Proben wurde meist verzichtet. Martin war das Improvisieren gewohnt. „Im Nichtstun“, so Martins zweite Ehefrau Jeanne, „ist Dean der Größte“. Der Entertainer stand selten vor Mittag auf – es sei denn, er wollte seiner Passion, dem Golfen, frönen. Er trug stets nur feinste Seide, rauchte exklusive Havannas und kippte auch schon mal Bourbon oder Wodka aus randvollen Wassergläsern. „Sein Jahresbedarf“, schrieb die „Berliner Zeitung“ einmal, „wurde von Freunden auf 800 bis 1.000 Flaschen geschätzt. Und Kenner Hollywoods sprechen von 1.500 Geliebten, denen er im Laufe seiner Karriere nicht nur tief in die Augen blickte“.


Seine frühen Jahre hatte Dino Crocetti nach dem Schulabbruch in Steubenville mit Gelegenheitsjobs als Stahlarbeiter, Milchmann, Tankwart oder Preisboxer verbracht. Den dabei erlittenen Nasenbeinbruch musste er später operativ korrigieren lassen. Während der Prohibition hatte er für die Cosa Nostra beim Alkoholschmuggel mitgemischt. Auch als Croupier in einem illegalen Spielcasino seiner Heimatstadt blieb er ab 1936 in Mafia-Diensten. Hier wurde rein zufällig sein Gesangstalent entdeckt, da er häufig am Spieltisch vor sich hin zu singen pflegte.

Nach ersten kleineren Auftritten und sporadischem Gesangsunterricht begann 1939 Martins professionelle Künstlerkarriere. Zunächst als Sänger, anfangs unter dem Namen Dino Martini, ab November 1940 unter dem Künstlernamen Dean Martin. Sein Management versuchte, ihn als neuen Frank Sinatra aufzubauen. Da die Gagen nicht sonderlich hoch waren und das meiste Geld zur Bezahlung seiner Agenten draufging, war er 1946 so pleite, dass ein Insolvenzverfahren gegen ihn eröffnet wurde.

Genau zu diesem Zeitpunkt kam es zur schicksalsträchtigen Begegnung mit dem Komiker Jerry Lewis. Die beiden entwickelten ein Bühnen-Blödel-Programm mit von Martin vorgetragenen Songs. Damit sollten sie ein Jahrzehnt lang das erfolgreichste Comedy-Duo der USA werden – mit Engagements in sämtlichen bekannten Nachtclubs des Landes, diversen Live-Auftritten in Radio und Fernsehen sowie 16 abendfüllenden Kinofilmen.

„Die Leute liebten uns“, sagte Jerry Lewis. „Sie liebten es zu sehen, wie sich zwei Männer liebten. Das brachte uns 250 Millionen Dollar in zehn Jahren.“ Die Zusammenarbeit wurde im Juli 1956 mit einem Riesenstreit beendet, weil es Martin nicht länger akzeptieren wollte, dass in der breiten Öffentlichkeit seinem Partner stets die dominierende, wichtigere Rolle bei den Auftritten von „Martin & Lewis“ zuerkannt wurde.

Dean Martin sah sich nun dazu gezwungen, sich eine neue Solo-Karriere aufzubauen. Dabei kam ihm zu Hilfe, dass er bereits 1946 erste kommerzielle Plattenaufnahmen gemacht hatte und am 14. Januar 1956 mit dem Song „Memories Are Made of This“ seinen ersten Nummer-eins-Hit in den US-Charts gelandet hatte. Ein halbes Jahr später begann er, in kleineren Clubs aufzutreten, im März 1957 war er als Solo-Entertainer erstmals in Las Vegas zu sehen. Es sollte der Auftakt einer drei Jahrzehnte währenden Bühnenpräsenz in der Wüsten-Spielerstadt werden, wobei er sein in der Regel jeweils jährlich sechswöchiges Engagement vom „Sands Hotel“ der Anfänge über das „Riviera“ schließlich ins exklusive „MGM Grand Hotel“ verlegte, das später zum „Bally’s Las Vegas“ wurde.

Am 29. Juli 1991 gab er dort – in gesundheitlich schon schwer angeschlagenem Zustand – sein letztes Konzert. Am 15. August 1964 konnte Martin mit seinem Song „Everybody Loves Somebody (Sometimes)“ sogar die Beatles mit ihrem Hit „A Hard Day’s Night“ von der Spitzenposition der US-Charts verdrängen.

Kulturkritiker hassten seine Werke

An dieses Niveau konnte Martin allerdings mit kaum einer anderen seiner zahlreichen Plattenveröffentlichungen anknüpfen. Auch in seiner Karriere als Schauspieler gab es nur vergleichsweise wenige künstlerische Höhepunkte. Dazu zählen die Filme „Die jungen Löwen“, ein Historiendrama und „Verdammt sind sie alle“ von 1958, der Western „Rio Bravo“, in dem Martin an der Seite von John Wayne den alkoholkranken Hilfssheriff Dude spielte, das Drama „Puppen unter dem Dach“ nach dem gleichnamigen Theaterstück von Lilian Hellman 1963 und Billy Wilders Satire „Küss mich, Dummkopf“ 1964. Auffällig dabei ist, dass Martin der Qualität seiner Arbeit im Laufe der 60er-Jahre immer weniger Bedeutung beigemessen hatte. „Martin erscheint in seinen Liedern und Filmen als ewig Angepasster, der jeden erdenklichen Schwachsinn stoisch mitmacht und fortwährend schlechten Geschmack beweist“, schrieb etwa „Die Welt“. „Die Kulturkritiker haben ihn dafür gehasst. Und tatsächlich hat Martin unerträglich schmalzige Songs gesungen, hat in Filmen mitgespielt, die nicht zu retten sind. Das Faszinierende an Dean Martin ist eine Haltung, diese kühle arrogante Art der Verachtung. Unter der Oberfläche des glitzernden Vergnügens schmähte Martin das System, das ihn groß machte, ein einsamer Mensch, dem alles egal war.“ Außer Geld, wie auch „Die Welt“ einräumen musste. Und davon bekam er mehr als genug, nachdem ihm der US-Sender NBC eine eigene, zwischen 1965 und 1974 jeweils am Donnerstagabend ausgestrahlte Fernsehshow übertragen hatte. „The Dean Martin Show“ mit ihren insgesamt 264 Folgen wurde zu einem riesigen Publikumserfolg und machte den Künstler zum bestverdienenden Entertainer der Welt. 1966 wurde er mit dem Golden Globe als bester Fernsehstar ausgezeichnet. Natürlich spielte er auch im Fernsehen am liebsten die selbstironische Sonnyboy-Rolle.

Sohn Dean Paul starb bei Flugzeugabsturz

Sein Privatleben sah allerdings ganz anders aus. Drei Ehen sollten scheitern, insgesamt sieben Kinder gingen daraus hervor, ein achtes Kind wurde von Martin adoptiert. Der Unfalltod seines Lieblingssohnes Dean Paul bei einem Flugzeugabsturz im März 1987 traf Dean Martin sehr schwer. Frank Sinatra machte 1988 einen letztlich erfolglosen Versuch, seinen Freund aus Apathie und Depression durch die Organisierung einer „Together Again Tour“ mit Sammy Davis Jr. herauszureißen. Nach nur einer Woche stieg Dean Martin aus.

Als 1990 dann auch noch Sammy Davis Jr. gestorben war, ging es gesundheitlich mit ihm nur noch bergab. Zu Beginn der 1990er-Jahre wurde die Alzheimer-Krankheit diagnostiziert, im September 1993 auch noch Lungenkrebs, der letztlich für seinen Tod am 25. Dezember 1995 in Beverly Hills verantwortlich sein sollte. „Wenn es soweit ist“, soll Dean Martin einige Monate vor seinem Ableben zu seinem Manager gesagt haben, „begrabt mich neben meiner Theke“.

Peter Lempert

Merken

Merken

Bild der Woche