Tastatur statt Füller
Tastatur statt Füller
21. April 2017

Für Ioannis Konstas haben Klassenarbeiten auf Papier ausgedient. Der Physik- und Informatiklehrer nutzt Laptops, um seine Schüler zu prüfen. Das sei praktisch und fair zugleich. Nachahmer sucht er bisher aber vergeblich.

Als Ioannis Konstas zur Tür hereinkommt, wird es schlagartig still. Der Freiburger Lehrer hat die volle Aufmerksamkeit seiner Schüler, denn die müssen sich in der kommenden Stunde stark konzentrieren. „Gleichmäßig beschleunigte Bewegung“ lautet das Thema der Physik-Klausur, die die 11. Klasse an diesem Tag schreibt. Wobei „schreiben“ streng genommen der falsche Begriff ist: Die Schülerinnen und Schüler tippen ihre Antworten – auf dem eigenen Laptop.


Schon seit mehreren Jahren setzt Konstas auf die moderne Technik. Der 48-Jährige unterrichtet Physik und Informatik an der Freien Christlichen Schule in Freiburg. Für ihn haben die Computer gleich mehrere Vorteile gegenüber Stift und Papier: „Man spart viel Zeit beim Korrigieren“, sagt der Pädagoge. Außerdem ließen sich die Antworten deutlich besser lesen als so manche krakelige Handschrift.

Online-Plattform „ClassMarker“

Für die 11. Klasse sind die digitalen Klassenarbeiten nichts Neues. Trotzdem geht Konstas noch einmal die Prozedur durch, bevor die Prüfung beginnt. „Denkt daran, dass es kein Zurück gibt“, warnt er seine Schüler. „Wenn ihr eine Frage weiterklickt, ist es zu spät.“ Dann folgt die obligatorische Ermahnung: „Ihr wisst Bescheid: nur den Browser öffnen, aber keine anderen Programme!“

Um die Klassenarbeiten zu erstellen, nutzt Konstas die Online-Plattform „ClassMarker“ öffnen. Aus Datenschutz-Gründen loggen sich die einzelnen Schüler dort nicht mit ihrem eigenen Namen, sondern mit einem Pseudonym ein, das Konstas hinterher zuordnet. Damit niemand schummelt, setzt der Lehrer auf einen Trick: Jeder Schüler bekommt die Fragen in einer anderen Reihenfolge gestellt. Bei Multiple-Choice-Fragen erscheinen die möglichen Antworten ebenfalls auf jedem Laptop in anderer Reihenfolge.

Damit niemand heimlich im Internet surft und Lösungen googelt, setzt sich Konstas nach hinten in den Klassenraum. So hat er einen guten Blick auf alle Bildschirme. „So etwas ist aber noch nie passiert“, sagt der technikaffine Lehrer. „Wir haben hier sehr anständige Schüler, denen ich vertrauen kann.“ Zumal der Online-Test ohnehin fairer sei als eine traditionelle Klausur: „Wenn man auf Papier irgendetwas schreibt, bekommt man vielleicht noch einen Teilpunkt. Am Laptop gehen die Schüler viel ernster an die Sache heran, weil es bei bestimmten Fragen nur ein Richtig oder Falsch gibt.“

Nach nur 30 Minuten ist der erste Schüler fertig. Er klappt seinen Laptop zu und verlässt den Raum. Konstas kann an seinem eigenen Computer sofort das Ergebnis sehen: 39,3 Prozent aller Antworten sind richtig. „Unter 40 Prozent ist man durchgefallen“, sagt Konstas. „Aber er kann das durch die mündliche Note noch ausgleichen.“


Ein Wundermittel sei die Technik übrigens nicht, beteuert der Pädagoge. Die Online-Prüfungen eigneten sich vor allem für naturwissenschaftliche Fächer, in denen es Ja/Nein-Lösungen oder numerische Antworten gebe. „Ein Essay kann man natürlich auch tippen“, sagt Konstas. „Aber das kann der Computer nicht automatisch bewerten.“

Trotz seiner Euphorie ist Konstas nach wie vor ein Einzelgänger. Von seinen Kollegen hat bisher niemand das Laptop-Modell übernommen. Warum? „Weiß ich auch nicht“, sagt der Technik-Fan. „Viele haben ihre Folien, ihre Ordner, ihre Gewohnheiten. Vielleicht haben manche auch etwas Angst vor dem Programm. Dabei funktioniert es ganz einfach.“ Offensiv werben will er für die Online-Klassenarbeiten aber nicht.

Kein Ersatz für die Kulturtechnik des Rechtschreiblernens

Das solle jeder so handhaben, wie er möchte. Das CDU-geführte Kultusministerium gibt sich zurückhaltend in Bezug auf die digitalen Klassenarbeiten. Zwar gebe es keine Empfehlung zum Einsatz der Technik, betont Ministeriumssprecher Kai Gräf. „Sie werden jedoch schon deshalb kaum eingesetzt werden, da die Chancengleichheit […] nur schwer zu gewährleisten ist (alle Schüler müssten über technisch identische Geräte verfügen) und Täuschungsversuche kaum ausgeschlossen werden können.“ Aber: „Begründete Ausnahmen mag es geben.“ Einen ausschließlichen Einsatz von Laptops sieht Gräf indessen kritisch. „Zweifel, ob bestimmte Bildungsziele beim Verzicht auf handschriftliche Klassenarbeiten noch erreicht würden, können dabei durchaus angebracht sein“, meint der Ministeriumssprecher. „So ersetzt das Rechtschreibprogramm am PC nicht die Kulturtechnik des Rechtschreib­lernens, das wird niemand ernsthaft infrage stellen.“

In Freiburg nutzt die 11. Klasse derweil keine Rechtschreibprüfung für ihre Klassenarbeiten. Ganz ohne Papier kommen die Jugendlichen ebenfalls nicht aus: Die meisten haben einen Schmierzettel neben der Tastatur liegen, um ihre Rechnungen auszuprobieren. Denn am Laptop gilt schließlich die goldene Regel: Wenn eine Lösung einmal eingegeben wurde, gibt’s kein Zurück.


Steve Przybilla

Merken

Merken

Bild der Woche