50 Megabit  sind nicht genug
50 Megabit sind nicht genug
6. Januar 2017

Deutschland hinkt beim Ausbau des Glasfasernetzes hinterher – einem innovationsgetriebenen Industrieland nicht angemessen. Andere Länder, zum Beispiel Luxemburg, sind da weiter.

Industrie-4.0-Anwendungen, autonomes Fahren, Datenaustausch in Echtzeit, digitale Bildung, totale Vernetzung – hört sich alles klasse an, zukunftsorientiert und innovativ. Kaum eine Veranstaltung, auf der die Vorteile der Digitalisierung nicht gepriesen werden. Wissenschaftler, Informatiker, Politiker geben sich die Klinke in die Hand und reden vom schnellen Internet als Heilsbringer, als entscheidende Voraussetzung für die künftige Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands.

Mal abgesehen vom Datenschutz hakt es bei der Digitalisierung an ganz anderer Stelle aber gewaltig: Die digitale Infrastruktur lässt zu wünschen übrig, zumindest in Deutschland. Der Ausbau zu einem flächendeckenden Glasfasernetz, sprich Glasfaser bis ins Haus (Fiber To The Home, FTTH), steckt hierzulande immer noch in den Kinderschuhen. Mit einer Anschlussquote von zwei bis drei Prozent liegt Deutschland nach Angaben der Branchenverbände weltweit ganz weit hinten. Für ein führendes Industrieland, das sich gern auch als Innovationstreiber in der EU sieht, ist das eher ein peinliches Ergebnis. Laut OECD-Statistik sind
73 Prozent der japanischen Haushalte mit einem Glasfasernetz verbunden. Vor Deutschland in der Liste liegen noch Länder wie Lettland, die Slowakei, Polen, die USA oder Frankreich.

Zu lange auf
Kupfer gesetzt

Viel zu lange habe man in Deutschland auf die alte Kupfertechnologie gesetzt, werfen die Netzbetreiberverbände der Bundesregierung Versäumnisse vor. 50 Megabit in der Sekunde bis 2018 für jedermann, aufgebohrtes VDSL, Vectoring-Lösungen, um technisch ein paar Megabit mehr aus dem Kupferkabel rauszuholen, seien nicht zukunftsorientiert, beklagt der Verband VATM. Zwar hat das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur ein milliardenschweres Förderprogramm für das schnelle Internet aufgelegt, damit auch die vermeintlich unattraktiven ländlichen Gebiete in den Genuss schnellerer Internetverbindungen kommen. Aber den Fachleuten ist die technikneutrale Förderung ein Dorn im Auge. Weil es kostengünstiger ist, fließt ein nicht unerheblicher Teil der Fördergelder in den Ausbau von „Fiber To The Curb“ (FTTC), eben nur bis zu den Hauptverteilerkästen der Deutschen Telekom. Danach geht’s weiter mit dem herkömmlichen Kupferkabel.

Die Telekom preist dies als günstige Lösung des Problems. Laut Telekom-Sprecher Georg von Wagner werden allein im Dezember 1,1 Millionen Deutsche schnelles Internet mit bis zu 100 Megabit pro Sekunde bekommen. Vorausgesetzt, man wohnt nahe am Verteilerkasten, sonst sind es eben nur 50. Glasfaser bis zum Haus verlegt der Telekommunikationskonzern derzeit nur in Neubaugebieten. Wie viele Anschlüsse das bis jetzt sind, verrät der Konzern allerdings nicht. Auch Privatkunden haben die Möglichkeit, sich bei der Telekom einen Glasfaseranschluss zu bestellen, wenn sie in einem VDSL-Gebiet leben. Pro laufenden Meter kostet der allerdings zwischen 50 und 100 Euro, rechnet sich also nur für Großkunden oder mehrere Privatkunden, die sich zusammentun. Dann sind Übertragungsraten von 2,5 Gigabit pro Sekunde möglich.

Ein flächendeckendes Glasfasernetz würde Berechnungen von Fachleuten zufolge in Deutschland zwischen 100 und 120 Milliarden Euro kosten. Die bisher bereitgestellten vier Milliarden Euro des Bundes wirken da eher wie der berühmte Tropfen auf den heißen Stein, zumal die heilige Kuh „Technologieneutralität“ wohl kaum geschlachtet wird. Denn vom Vectoring und VDSL profitiert nun mal in den meisten Fällen die Deutsche Telekom, deren Hauptanteilseigner der Bund ist.

Ein bisschen FTTH, eine Prise FFTC, garniert mit Vectoring, dazu ein wenig mobiles Internet und fertig ist das deutsche Sparmodell aus dem Hause Dobrindt. Mit den angepeilten 50 Megabit ist Deutschland von der Gigabit-Gesellschaft weiterhin Lichtjahre entfernt. Die deutschen Netzbetreiber fordern daher von der Bundesregierung eine langfristige Strategie für den Glasfaserausbau.

Andere Länder machen es vor und pumpen Milliardenbeträge in den Aufbau flächendeckender Glasfasernetze, wohlwissend, dass dort der Schlüssel für die künftige Wettbewerbsfähigkeit eines Landes liegt.

Glasfasernetz
in Deutschland
kostet Milliarden

Zum Beispiel in Luxemburg. Während das Großherzogtum sich anschickt, bis Ende 2018 so gut wie alle Haushalte ans Glasfasernetz zu bringen, sollen im Saarland zumindest 50 Megabit im gleichen Zeitraum für jeden Haushalt zur Verfügung stehen.

Luxemburg verfolgt eine andere Strategie. Dort ist die Post Luxembourg über ihr Tochterunternehmen Post Technologies vom Staat beauftragt, das Glasfasernetz aufzubauen. Im Gegenzug verzichtet der Staat als Anteilseigner auf die Dividende. Die wichtigsten Serviceprovider in Luxemburg sind die Luxemburger Post selbst, Cegecom aus der Artelis-Gruppe, an der unter anderem die saarländische VSE-Gruppe mehrheitlich beteiligt ist, die fusionierten Tango und Telindus mit dem belgischen Hauptanteilseigner Proximus sowie Orange mit France Telecom.

Auch in Lothringen macht man sich auf ins digitale Zeitalter. Innerhalb des nationalen Digitalisierungsprogramms Frankreichs, das einen finanziellen Umfang von 20 Milliarden Euro hat, soll das Département Moselle bis 2022 ein flächendeckendes Hochgeschwindigkeitsnetz erhalten. Darum kümmert sich der 2015 gegründete Zweckverband Moselle Fibre. 175.000 Haushalte sollen in den nächsten fünf Jahren einen FTTH-Anschluss erhalten. Dieses Vorhaben kostet 200 Millionen Euro, die sich private Netzbetreiber, die kommunalen Gebietskörperschaften und der Staat mit 62 Millionen Euro teilen. Bereits vor zehn Jahren wurde im Moseldépartement ein Glasfasernetz für zirka 70 Millionen Euro aufgebaut. Die größten mobilen Internetbetreiber sind Orange, SFR und Bouygues Telecom mit eigenen Netzen.


Im Saarland kümmert sich der kommunale Zweckverband eGo-Saar um den landesweiten Breitbandausbau neben den Initiativen der privaten Netzbetreiber. Damit schnelles Internet auch in die ländlichen Gebiete kommt, koordiniert er das landesweite Breitbandprojekt „NGA-Netzausbau Saar“ (Next Generation Access). Rund 50.000 Gebäude mit etwa 70.000 Anschlüssen von privaten und gewerblichen Kunden sollen mit mindestens 50 Megabit angeschlossen werden. Das Bundesverkehrsministerium mit 7,8 Millionen Euro, das Land mit 3,9 Millionen Euro sowie die Kommunen mit 1,3 Millionen Euro fördern dieses Vorhaben. Dabei wurde das Saarland räumlich in sechs sogenannte Haupt-Lose unterteilt. Welcher Netzbetreiber mit seinem Angebot wo den Zuschlag erhält, wird voraussichtlich bis zum Frühjahr 2017 entschieden. Neben den großen Netzbetreibern wie die Deutsche Telekom kümmern sich im Saarland um den Breitbandausbau vor allem die VSE NET sowie Inexio aus Saarlouis. Zu den Serviceprovidern zählt auch das Saarbrücker Unternehmen Intersaar. Mit der flächendeckenden 50-Megabit-Versorgung bis 2018 werde das Bandbreitenziel des Bundes erreicht, betont Projektleiter Thomas Haböck von eGo-Saar. Das Infrastrukturziel aber noch lange nicht, denn der weitere Ausbau mit Glasfaser soll auf die 50-Megabit-Versorgung aufsetzen. Doch diese sind im digitalen Zeitalter zu viel zum Sterben und zu wenig zum Leben. Weitere Gelder müssen fließen, um bis 2025 von der Gigabit-Gesellschaft reden zu können.

Armin Neidhardt

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