Irischer Wüstensohn und Oscar-Verlierer
Irischer Wüstensohn und Oscar-Verlierer
28. Juli 2017

Obwohl er als Lawrence von Arabien Kinogeschichte geschrieben hatte und zur Leinwandlegende aufstieg, hat es Peter O’Toole in seiner 50-jährigen Filmkarriere trotz acht Nominierungen nie geschafft, einen Oscar als bester Darsteller zu gewinnen. Ein einsamer Hollywood-Rekord für den Charakterdarsteller, der in diesem Sommer 85 Jahre alt geworden wäre.

Früher, zu Hollywoods Glanzzeiten, genügte für einen Schauspieler oft ein einziger, großer Film, um zum Star zu werden und sich einen Nimbus zu erwerben, von dem dann noch Jahrzehnte lang gezehrt werden konnte. So geschehen seinerzeit auch bei dem baumlangen, knapp 1,90 Meter großen Leinwand-Beau Peter O’Toole. Seine Markenzeichen waren die eisblauen Augen, die blonden Haare, eine tiefe, sonore Stimme sowie der stets etwas leidend wirkende Zug um seinen Mund. Die Titelrolle in David Leans monumentalem Wüstenepos „Lawrence von Arabien“ machte ihn 1962 mit einem Schlag international bekannt und brachte ihm sogleich die erste Oscar-Nominierung als bester männlicher Hauptdarsteller ein.

Doch bei der Goldjungen-Gala 1963 sollte er ebenso leer ausgehen wie bei weiteren sieben Oscar-Nominierungen. Peter O’Toole sollte daher in Hollywood auch als ewiger, trauriger Verlierer der Oscar-Nacht zur Legende werden. Nach außen ließ er sich seine Enttäuschung darüber nie richtig anmerken. Als er 2007 für seine Rolle als Schauspielveteran im Streifen „Venus“ letztmals den Kürzeren zog, flüchtete er sich in witzelnden Sarkasmus: „Immer die Brautjungfer, niemals die Braut.“ Nach eigenem Bekunden hatte er zeitlebens auf Preise nie sonderlich viel Wert gelegt: „Vielleicht klingt es verwunderlich, aber ich will keine Auszeichnungen bekommen. Gib mir was Besonderes zu tun! Gib mir einen Job! Und wenn mir dann jemand dafür einen Preis geben will – cool!“ Als sich die Academy 2003 endlich dazu durchgerungen hatte, ihm gewissermaßen als kleinen Trostpreis einen Ehren-Oscar für sein Lebenswerk zu verleihen, wollte er diesen zunächst gar nicht annehmen. Er ließ sich den Goldjungen dann aber doch von einer sichtlich gerührten Meryl Streep überreichen.

Mit 16 Jahren arbeitete er als Jungredakteur

Obwohl Peter O’Toole im ersten Teil seiner zweibändigen, wegen seines Schreibstils hoch gelobten, 1992 und 1996 erschienenen Autobiographie „Loitering with Intent“, ausführlich über seine Kindheit berichtet hatte, konnte selbst er keine letzte Klarheit über Geburtsdatum und Geburtsort verschaffen. Er war nämlich im Besitz zweier unterschiedlicher Geburtsurkunden. „Meine Staatsangehörigkeit ist irisch“, so O’Toole, „mein Blut führt zurück nach Irland. England, Schottland und, ach! Wales.“ In den meisten Publikationen wird der 2. August 1932 als Geburtsdatum von Peter Seamus O’Toole genannt, als Geburtsort das westirische Connemara und nicht das nordenglische Leeds, wo Peter als Sohn des irischen Buchmachers Patrick Joseph O’Toole und der ehemaligen schottischen Krankenschwester Constance Ferguson in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen war. Nachdem er mit 14 Jahren die Schule verlassen hatte, wo Nonnen mit Hilfe von Rohrstöcken immer wieder versucht hatten, ihm seine Linkshändigkeit auszutreiben, schlug er sich zunächst mit Gelegenheitsjobs durch. Im Alter von 16 Jahren heuerte er schließlich bei der Zeitung „Yorkshire Evening News“ als Jungredakteur an.

In dieser Zeit kam er über einen mit dem Theater und Shakespeare aufgewachsenen Freund erstmals mit Schauspielern und Künstlern in Berührung, die bei den Eltern seines Freundes zu verkehren pflegten. Im Alter von 17 Jahren gelangen ihm erste kleine Auftritte auf den Brettern der Welt im „Civic Theatre“ in Leeds. Es folgten 18 Monate Wehrdienst bei der Royal Navy. Im Alter von 21 Jahren bewarb er sich erfolgreich für ein dreijähriges, durch ein Stipendium finanziertes Schauspielstudium bei der Londoner Royal Academy of Dramatic Arts. Sein erstes festes Engagement sollte er von 1955 bis 1958 bei der „Bristol Old Vic Company“ bekommen, wo er damals 73 verschiedene Bühnenrollen von Shakespeare bis zur Moderne spielte. Unter anderem gab er mit gerade mal 23 Jahren den jüngsten Hamlet der englischen Theatergeschichte.

Sein Debüt in London gab er 1956 in George Bernard Shaws Komödie „Major Barbara“. In Stratford-upon-Avon fand er beim „Royal Shakespeare Theatre“ in Peter Hall einen Förderer und Bewunderer, der ihn wenig später für seine „Royal Shakespeare Company“ gewinnen wollte. Ab 1954 flatterten Peter O’Toole auch erste kleinere Fernseh-Angebote ins Haus, den ersten TV-Auftritt hatte er 1956 in einer Folge der Serie „The Scarlet Pimpernel“. Der endgültige Durchbruch kam 1959 am „Londoner Royal Court“ mit dem Antikriegsstück „The Long and the Short and the Tall“. Peter O’Toole wurde mit gerade mal 26 Jahren zum englischen Schauspieler des Jahres gekürt. Nachdem er 1958 in „The Castiglioni Brothers“ seine erste große TV-Rolle gespielt hatte, folgten 1960 die ersten drei Kino-Filme: „Entführt – Die Abenteuer des David Balfour“, „Im Land der langen Schatten“ sowie „Bankraub des Jahrhunderts“.

Seine Gage soll er verzockt haben

Seine erste Titelrolle sollte ihn dann mit einem Schlag zum Mega-Star machen. Dabei war Peter O’Toole für die Darstellung des legendären T. E. Lawrence keineswegs die erste Wahl. Doch Marlon Brando, Alec Guinness, Laurence Harvey oder Albert Finney hatten die Anfrage allesamt dankend abgelehnt. Marlon Brando mit der Begründung, dass er keinerlei Lust darauf habe, sich monatelang den Kopf verbrennen zu lassen. Tatsächlich dauerten die Dreharbeiten für das vierstündige Monumentalwerk geschlagene zwei Jahre unter unerbittlicher Sonne an Originalschauplätzen in der jordanischen Wüste. Seine Gage für „Lawrence“ soll Peter O’Toole angeblich gemeinsam mit seinem Kollegen Omar Sharif innerhalb von gerade mal zwei Tagen in den Kasinos von Beirut und Casablanca verzockt haben. In den Folgejahren wurde O’Toole zum gefragten Darsteller im Charakterfach, der aber auch sein Können als Komödiant, beispielsweise im viel gelobten Streifen „Was gibt’s Neues, Pussy“ von Woody Allen anno 1965 oder in der Gaunerposse „Wie klaut man eine Million“ anno 1966 immer wieder unter Beweis stellen konnte.

Oscar-Nominierungen gab es neben „Lawrence von Arabien“ und „Venus“ noch für „Becket“ 1965, „Der Löwe im Winter“ 1969, „Goodbye, Mr. Chips“ 1970, „The Ruling Class“ 1973, „Der lange Tod des Stuntman Cameron“ 1981 sowie für „Ein Draufgänger in New York“  1983. Überraschend, dass die Academy einen seiner besten Filme, für den O’Toole monatelang die Qualen des kambodschanischen Dschungels auf sich nahm, überhaupt nicht gewürdigt hatte. Denn die Rolle eines jungen britischen Offiziers im philosophischen Abenteuerfilm „Lord Jim“ wird inzwischen neben Lawrence als sein absolutes Leinwand-Highlight angesehen. Neben seiner Filmkarriere vernachlässigte Peter O’Toole auch das Theaterspielen nicht, sondern stand regelmäßig in London, Bristol, Dublin oder Stratford auf der Bühne.

Im Laufe der 70er-Jahre begannen sich immer stärker sein exzessiver Lebenswandel und seine Alkoholexzesse, bei denen er von seinen liebsten Saufkumpanen Richard Burton, Richard Harris und Peter Finch kräftig unterstützt wurde, negativ auf seine Karriere auszuwirken. Neben Glanzrollen gab es immer mehr Filme, beispielsweise den Don Quijote-Musicalfilm „Der Mann von La Mancha“ anno 1972 oder der Softporno-Skandalfilm „Caligula“ anno 1979, die er nur wegen der hohen Gage annahm. Schließlich müsse er auch seine Miete bezahlen, wie O’Toole entschuldigend mitteilen ließ. Peter O’Toole wurde im Leben wie in der Filmauswahl zum Exzentriker, gemäß seinem schon in der Jugend formulierten Lebensmotto: „Ich werde kein gewöhnlicher Mann sein, weil es mein Recht ist, ein ungewöhnlicher Mann zu sein.“ O’Toole trank geradezu zwanghaft, bis ihn eine lebensgefährliche Entzündung der Bauchspeicheldrüse 1975 von der Alkoholsucht heilte. „Noch ein Tropfen, und du bist tot“, hatten ihm seine Ärzte klargemacht.

„Ich habe nicht mehr das Herz dafür“

Das Rauchen filterloser Gauloises in einer Zigarettenspitze aus Elfenbein sollte er hingegen bis zu seinem Lebensende mit 81 Jahren am 14. Dezember 2013 in London, wo er seit 1991 im Stadtteil Hampstead ein Haus besaß, nie aufgeben. Seine berufliche Karriere, die ihm ab den 90er-Jahren meist nur noch Nebenrollen beschert hatte, denen er jedoch wie schon 1987 als Schulmeister in Bertoluccis Film „Der letzte Kaiser“ noch immer Tiefe, Farbe und Charakter verleihen konnte, hatte er offiziell im Juli 2012 nach mehr als 90 Film- und Fernseh-Engagements für abgeschlossen erklärt: „Ich habe nicht mehr das Herz dafür, und es wird auch nicht mehr zurückkommen.“ Privat war O’Toole, der Cricket und Shakespeare-Sonette liebte und 1987 die Erhebung in den Ritterstand abgelehnt hatte, von 1959 bis 1979 mit der walisischen Schauspielerin Siân Philips verheiratet, mit der er die Töchter Kate und Pat hatte. Aus der Beziehung mit dem US-Model Karen Brown stammte Sohn Lorcan, um den 1988 ein Sorgerechtsstreit in aller Öffentlichkeit ausgetragen wurde.

Peter Lempert


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