Die Seilbezwingerin
Die Seilbezwingerin
11. August 2017

Alexandra Arendt zählt zu Deutschlands besten Slacklinerinnen. Auf einem schmalen Band balanciert die 30-Jährige teilweise mehrere hundert Meter über dem Boden. Ihr größter Traum: einmal den Kölner Dom bezwingen.

Das Leben von Alexandra Arendtist ein ständiger Balanceakt. Und bodenständig ist sie dabei auch nicht geblieben. Am liebsten schwebt sie über den Dingen. Die 30 Jahre alte Kölnerin ist Slacklinerin – auf einem schmalen Band mehrere Meter über dem Boden fühlt sie sich am wohlsten. Mittlerweile zählt sie in dieser Sportart zu den Besten in Deutschland. Auch international erntet sie für ihre tollkühnen Tricks auf dem Seil viel Anerkennung.

Wasserbewegung
lenkt zusätzlich ab

In Südfrankreich hat Alexandra ­Arendt zum ersten Mal eine Slackline ausprobiert. Eigentlich war sie ja zum Surfen dort gewesen, doch als sie am Strand eine Slackline entdeckte und bald erfolgreich meisterte, stieg sie danach nicht mehr ab. Bereits am zweiten Tag bewältigte sie das Seil im Rückwärtsgang, am dritten schaffte sie die ersten Sprünge. „Balancesportarten waren irgendwie schon immer mein Ding“, sagt sie. Zurück in Köln schloss sie sich der Slackline-AG an der Deutschen Sporthochschule an, geleitet von Elli Schulte – einer der erfolgreichsten Slacklinerinnen der Welt. „Von ihr habe ich mir viel abschauen können“, sagt
Arendt.


Die Spezialdisziplin der beiden ist die Trickline, auch Lowline genannt. Dabei geht es darum, auf einem relativ niedrig gespannten Seil etwa auf Knie- bis Hüfthöhe Tricks vorzuführen: Stehen, Gehen, Rückwärtsgehen, Umdrehen, Hinsetzen, Hinlegen, Hinknien, bis hin zum Handstand. Weitere Disziplinen sind die Longline, wo es darauf ankommt, sich über einen langen Zeitraum zu konzentrieren und Schwingungen des Seils möglichst zu verhindern; Rodeolines, die nahezu ohne Spannung aufgehängt werden, was das Begehen zusätzlich erschwert. Oder Waterlines über Wasser – die Wasserbewegung lenkt zusätzlich ab und erschwert das Gleichgewichtsempfinden. Die vermeintliche Königsdisziplin ist jedoch die Highline, die zum Teil in mehreren hundert Metern Höhe angebracht wird. Eine ganz besondere Herausforderung, auch nervlich gesehen, trotz der obligatorischen Sicherungsschlinge, ohne die sich aus Sicherheitsgründen kaum jemand auf das Seil begibt.

Die Besonderheit beim Slacklinen ist, dass das Seil – anders als ein straff gespanntes Hochseil – nachgibt, sobald jemand darauf läuft. Daher auch der Name: Das englische Wort Slack bedeutet so viel wie lose, schlaff oder entspannt. „Man versucht, die Schwingung der Line auszunutzen und nicht gegen sie zu arbeiten“, erläutert Alexandra Arendt, worauf es ankommt. Gefordert sind Balance, Konzentration und Koordination, aber auch Rumpfstabilität. „Es ist ein ideales Ganzkörpertraining“, meint die 30-Jährige, die in Köln in der Marketing­abteilung eines Skireiseanbieters tätig ist. Damit ist Slacklining sehr gut als Zusatztraining für Sportarten wie Klettern, Skifahren, Snowboarden, Reiten oder Voltigieren geeignet, die ebenfalls ein gutes Gleichgewichtsgefühl voraussetzen.


Anfänger sollten sich nicht entmutigen lassen, wenn das Seil zu Beginn allzu sehr wackelt, sodass kaum ein Schritt darauf möglich ist. Alexandra Arendt empfiehlt, die Füße gerade aufzusetzen, den Oberkörper aufrecht zu halten und leicht in die Knie zu gehen, damit der Balancepunkt möglichst tief liegt. Die Arme sollten nicht hängen, sondern zum Balancieren nach oben genommen werden, „so als hätte man einen Schirm in der Hand“, erklärt Arendt. Ganz wichtig sei auch, nicht nach unten zu schauen. „Stattdessen sollte man sich einen optischen Fixpunkt suchen“, sagt die Expertin.

Was Alexandra Arendt am Slacklinen am meisten fasziniert, ist die Vielseitigkeit. „Es wird nie langweilig“, schwärmt sie, weil man die Möglichkeiten nie ausgereizt hat. Selbst eine Anfänger-Line kann noch eine Herausforderung sein, wenn man beispielsweise versucht, sie mit verbundenen Augen zu absolvieren.
Neue Tricks übt sie zunächst auf dem Trampolin, ehe sie sie auf der Slackline präsentiert. Die besten Athleten treffen sich regelmäßig zu Wettkämpfen und Contests. Es gibt auch eine deutsche Meisterschaft und eine Weltcupserie, organisiert von der World Slackline Federation. Eine Jury bewertet die gezeigten Tricks nach fünf Kriterien: Schwierigkeitsgrad, Ausführung, die Vielfalt der Tricks, Höhe der Sprünge und generelle Performance. Punktabzug gibt es, wenn eine Hand oder ein Fuß den Boden berühren – im Fachjargon Dabbing genannt.


Bei den meisten Wettkämpfen misst sich Alexandra Arendt mit der männlichen Konkurrenz. Reine Frauenwettbewerbe sind selten, wenngleich die Zahl langsam zunimmt. Doch noch immer sind Frauen auf der Slackline in der Unterzahl. „Es ist die größere Risikobereitschaft der Männer, die da mit reinspielt“, meint Arendt. Männer würden sich eher trauen, „sie machen einfach, auch auf die Gefahr hin, dass sie hinfallen“, sagt sie. Frauen wollten hingegen erst ausgiebig üben. Was nachvollziehbar ist, schließlich ist Slacklinen nicht ohne Risiko. „Man kann sich schon relativ leicht verletzen“, sagt Arendt. Oft knicken die Sportler um, oder sie rollen sich beim Herunterfallen nicht ab, sondern stürzen auf Schulter, Arm oder Handgelenk. Richtig fallen lernen ist deshalb stets eine der ersten Lektionen.

„Man kann sich schon
relativ leicht verletzen“

Alexandra Arendt kann all das nicht abschrecken. Auf der Slackline erlebt sie ein Gefühl von Freiheit. Mittlerweile hat sie über den Sport Freunde aus der ganzen Welt gefunden, mit denen sie ihre Leidenschaft für das Balancieren teilt. Einige von ihnen wird sie Anfang September in Ostrov in der Böhmischen Schweiz wiedersehen – dort findet jedes Jahr eines der wenigen Highline-Treffen nur für Frauen statt. „Es ist ein magischer Ort“, sagt Arendt. Die grandiose Kulisse im tschechischen Teil des Elbsandsteingebirges hat sie schon mehr als einmal beflügelt. „Wenn ich in einer solch tollen Landschaft antrete, dann konzentriere ich mich mehr darauf und nicht so sehr auf meine Angst“, sagt sie. Gern würde sie auch einmal zwischen den bizarren Felsformationen von Moab im US-Bundesstaat Utah balancieren: „Ich habe Videos gesehen, das muss fantastisch sein.“ Und dann ist da noch der größte Traum aller Slackliner aus Köln: einmal auf der Highline zwischen den beiden Türmen des Kölner Doms. Arendt: „Dafür würde ich sogar die nicht vorhandene Landschaft in Kauf nehmen.“


Jan Philip Häfner

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