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WAS MACHT EIGENTLICH...

Bill Ramsey wurde nach seiner Schlagerzeit ein erfolgreicher Jazzmusiker
Foto: picture alliance / United Archives / Pilz | Siegfried Pilz

… Bill Ramsey?

Schlager wie „Souvenirs" oder „Pigalle" machten den US-Jazzsänger ab Ende der 50er-Jahre in Deutschland ebenso bekannt wie rund zwei Dutzend Rollen in Filmkomödien. Später war er Musikdozent und TV-Moderator. 2019 beendete der 89-Jährige eine lange Karriere als Rundfunkmoderator bei hr2.

Man braucht nur die Augen zu schließen", lobte die Jazz-Legende Ella Fitzgerald den jungen Bill Ramsey, der mit seiner Stimme schwarzen Bluessängern mehr als nahekam. „Das ist die schönste Kritik, die ich je hatte", erinnert sich der Amerikaner, der 1953 als Chef-Produzent beim Soldaten-Sender AFN in Frankfurt seinem Idol Ella nach einer Konzertproduktion vorsingen durfte. Schon früh hatte Ramsey in seiner Heimat mit einer Tanzband Blues, Swing und Jazz gespielt. Während seines Wehrdienstes bei der US-Army in Deutschland ist er dann in Soldatenclubs als Jazz-Musiker und Entertainer aufgetreten und gab häufig Konzerte mit führenden deutschen Jazzmusikern. Der Jazz-Pianist und Arrangeur Heinz Gietz bot Ramsey dann 1957 an, mit ihm deutsche Schlager zu produzieren: „Willst du Rock’n’Roll oder lieber was Lustiges singen?" Ramsey, der inzwischen sein VWL-Studium abgeschlossen hatte, entschied sich für das Lustige. In der Folge entstanden Titel wie „Souvenirs", „Zuckerpuppe aus der Bauchtanzgruppe", „Pigalle" und „Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett", die das damalige Gesellschaftsleben humorvoll kommentierten. Der Jazzer Ramsey steht bis heute zu diesen Schlagern, die ihm ab Ende der 50er-Jahre zu großer Popularität in Deutschland verhalfen. Imageprobleme habe er jedenfalls nicht gehabt: „Ich habe mir nie überlegt, ob es mir gefällt oder nicht. Ich hatte Riesenerfolg und war glücklich, mitmachen zu können! Rock’n’Roll war für mich als Jazzer damals ein No-Go. Ich wollte auf keinen Fall Elvis oder so jemanden nachmachen", blickt der 89-Jährige zurück.

„Niemanden nachmachen"

Bill Ramsey zu Gast bei einer Gala 2017 im "Hotel Atlantic" in Hamburg
Bill Ramsey zu Gast bei einer Gala 2017 im "Hotel Atlantic" in Hamburg - Foto: picture alliance / Geisler-Fotopress | gbrci/Geisler-Fotopress

Seine Popularität verhalf ihm auch zu Rollen in 28 deutschen Filmkomödien wie „Die Abenteuer des Grafen Bobby" (1961) oder „Heimweh nach St. Pauli", in denen er sein komisches Talent unter Beweis stellen konnte. Parallel dazu produzierte er seine ersten englischsprachigen Folk- und Jazz-LPs und ging mit dieser Musik auf Tournee. Ramsey veröffentlichte zudem einige deutsche Coverversionen bekannter internationaler Pop-Songs („Yellow Submarine"), aber auch LPs mit Kinderliedern oder mit Operetten- und Musical-Titeln. Dass es mit seiner Festlegung auf den Jazz ruhiger um ihn werden würde, war Ramsey bewusst, aber er sei seiner Musikrichtung trotz ihres Nischendaseins jahrzehntelang treu geblieben. 2008/2009 ging er mit den deutschen Jazzern Max Greger und Hugo Strasser als „Swing-Legenden" auf Konzerttour, seit 2005 gastierte er mit seiner Band alljährlich für eine Woche im „Wiener Jazzland" und veröffentlichte mehrfach auch Compilation-Platten, beispielsweise 2011 das 4-CD-Set „Ramsey swings 1958-99" oder zuletzt 2016 das aufwendige CD-DigiPac „My words" mit 31 Songs aus 45 Jahren und einem 64-seitigen Booklet.

Seit den 70er-Jahren betätigte Ramsey sich auch als Fernseh- und Rundfunk-Moderator in Kinder- und Musiksendungen, etwa in der „Sendung mit der Maus" oder in den populären Musiksendungen „Schlager für Schlappohren" und „Talentschuppen". Einen festen Hörfunk-Job hatte Ramsey ab Anfang der 80er-Jahre beim Hessischen Rundfunk, wo er über drei Jahrzehnte lang jeden Freitagabend ab 22 Uhr „seine" hr2-Sendung „Swingtime" moderierte, von der er sich erst 2019 mit 88 Jahren aus Altersgründen zurückzog. Ramsey zum Erfolg dieser Sendung: „Das Geheimnis liegt in der Musik selbst: Swingende Sounds, zeitlos und mitreißend, waren immer Treibstoff der Swingtime." Der HR würdigte die Verdienste des inzwischen Eingedeutschten sogar mit einer retrospektiven Sondersendung. Ramseys langjährige Tätigkeit als Gast-Dozent für Jazz-Gesang an der Hamburger Hochschule für Musik und Theater sowie seine Verdienste um die Popularmusikausbildung und um den deutschen Jazz würdigte Bundespräsident Steinmeier kürzlich mit der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes am Bande.

„Ich singe furchtbar gern"

Dass er bis zu seinem 88. Lebensjahr noch auf der Bühne stand, hatte für Ramsey vor allem einen Grund: „Ich singe immer noch furchtbar gern." Er bedauert aber sehr, dass fast alle seine musikalischen Wegbegleiter wie Kurt Edelhagen, Paul Kuhn, James Last oder Hugo Strasser inzwischen verstorben sind. „Das macht mich traurig. Ich vermisse sie." Seit einigen Monaten gibt Ramsey nun keine Konzerte mehr, da er nach einem Sturz Probleme beim Gehen hat. So hat der passionierte Kunstsammler jetzt mehr Zeit, mit seiner Frau quer durch Deutschland zu Vernissagen zu fahren oder mit seiner Terrier-Hündin Britta zu spielen.

Bill Ramsey ist seit 1984 deutscher Staatsbürger und fühlt sich heute als Deutscher und Europäer: „Meine Rente, meine Frau, mein Hund – alles ist hier", betont er und bescheinigt „seiner" Bundeskanzlerin einen guten Job. Kritisch dagegen blickt er auf sein Heimatland, in das er unter anderem wegen des dortigen Rassismus’ nicht mehr zurückgekehrt sei. „Ich habe mich unter Schwarzen immer sauwohl gefühlt. Es war ja meine Musik." Seinen bis heute unverkennbaren amerikanischen Akzent will er keinesfalls als Erkennungszeichen kultivieren: „Ich würde gern perfekt Deutsch sprechen, aber ich kann es einfach nicht."

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