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WAS MACHT EIGENTLICH...

Thomas Reiter 2006. In dem Jahr war der deutsche Astronaut 171 Tage auf der Raumstation ISS
Foto: picture-alliance / dpa / dpaweb | epa Nasa

… Thomas Reiter?

Als erster deutscher Astronaut unternahm er 1995 einen „Weltraumspaziergang" und gehört mit 350 Einsatztagen auf den Raumstationen MIR und ISS zu den erfahrensten europäischen Raumfahrern. Nach seiner ISS-Rückkehr 2006 war er für das deutsche Luft- und Raumfahrt-Zentrum und die Europäische Raumfahrtagentur ESA tätig. Ende April trat der 63-jährige Brigadegeneral in den Ruhestand.

Wenn der Saarländer Matthias Maurer in Kürze auf der Raumstation ISS unvergleichliche Eindrücke sammelt, kann Thomas Reiter solche Glücksmomente sehr gut nachvollziehen: Noch 15 Jahre nach seinem ersten Einsatz auf der ISS schwärmt der Frankfurter von der spektakulären Aussicht aus 400 Kilometern Höhe auf die Erde. „Der Blick auf unseren Planeten und die wunderschönen Sonnenauf- und -untergänge gehen einem natürlich nie aus dem Sinn", sagte Reiter kürzlich der „Zeit". Vor allem die Außeneinsätze 1995 bei der MIR- Mission und 2006 beim ISS-Flug seien „absolute Höhepunkte" gewesen: „Näher kann man dem Weltraum nicht kommen."

Erhielt mehrere Auszeichnungen

Reiter-Nachfolger Matthias Maurer kann demnächst als vierter Deutscher auf der ISS den einzigartigen Tag- und Nachtwechsel im 90-Minuten-Rhythmus erleben. „Hätte man Zeit genug, könnte man auf der ISS 16-mal am Tag Sonnenauf- und untergänge beobachten", schwärmt Reiter. Dass bisher noch keine deutsche Astronautin so etwas erleben konnte, dürfte sich in nicht allzu ferner Zukunft ändern: „Je mehr Frauen sich an einem Astronauten-Auswahlverfahren beteiligen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, in der Endrunde mit dabei zu sein", betonte er in der „Zeit". Damit eine Deutsche bei einer der nächsten ISS-Missionen dabei sein kann, hält Reiter einen weiter steigenden Frauenanteil in natur- und ingenieurwissenschaftlichen Studiengängen für erforderlich. Flüge zur ISS könnten nach seiner technischen Einschätzung noch bis etwa 2030 erfolgen, da bis dahin die Betriebszeit der ISS abgelaufen sein wird. Reiter glaubt nicht, dass danach noch mal eine solch große Station gebaut wird, eher werde man auf kleinere Einheiten setzen.

Ende April trat der 63-jährige ehemalige Astronaut Thomas Reiter in den Ruhestand
Ende April trat der 63-jährige ehemalige Astronaut Thomas Reiter in den Ruhestand - Foto: picture alliance / dpa

Nach seiner Astronautenkarriere führte Reiter seine wissenschaftliche Arbeit am Boden fort. Vom Soldatendienst beurlaubt, arbeitete er zuerst vier Jahre lang im Vorstand des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), wo er für die Bereiche Raumfahrtforschung und -entwicklung zuständig war. Von 2011 bis 2015 leitete er im Europäischen Satellitenkontrollzentrum in Darmstadt das ESA-Direktorat für bemannte Raumfahrt und Missionsbetrieb und war dort vor allem für den europäischen Beitrag zur Raumstation ISS und die bemannte Raumfahrt verantwortlich. Bis im Mai 2021 war er danach ESA-Koordinator für Internationale Agenturen und Berater des ESA-Chefs Jan Wörner. Für seine Verdienste erhielt Reiter 1996 das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse, 2007 das Große Bundesverdienstkreuz, 2008 die Bayerische Europa-Medaille, 2009 die Ehrendoktorwürde der Bundeswehr-Uni München, 2010 die Lucius-Clay-Medaille und 2016 den Aachener Ingenieurpreis. Seit 2008 trägt sogar ein Asteroid Reiters Namen und 2018 hat die Stadt Neu-Isenburg nach ihrem Ehrenbürger eine Straße benannt.

Macht auf Müll im All aufmerksam

Reiter gibt seine Weltraumerfahrungen in vielen Vorträgen an interessiertes Publikum weiter, das so von Alltagsproblemen wie Haareschneiden mit Staubsauger, Schlafen in der Senkrechten und Nahrungsaufnahme in Schwerelosigkeit erfährt. Da auf der ISS nur mit Wasser vermengtes Essen aus der Tüte auf dem Speiseplan steht, habe er sich bei seiner Rückkehr aus dem All besonders auf einen frischen Salat gefreut, verriet Reiter kürzlich der „Frankfurter Rundschau". Für das kanadische Fernsehen hatte er von Ende der 90er-Jahre bis Anfang des neuen Jahrtausends das Luft- und Raumfahrtmagazin „Aerospace" kommentiert und 2008 war er Moderator der vom ZDF und der BBC produzierten Terra X-Dokumentationsreihe „Expedition Erde". Kurz vor Beginn seines Ruhestandes Ende April hat Reiter bei „tagesschau.de" auch auf ein immer stärker werdendes Raumfahrt-Problem hingewiesen: den Müll im Weltall. So gebe es dort inzwischen über 35.000 Objekte, die die bedenkliche Größe von zehn Zentimeter überschreiten; bei den Teilchen zwischen einem Millimeter und einem Zentimeter seien es sogar über 128 Millionen: „Diese Objekte sind wirklich gefährlich. Wir fliegen vom ESA-Zentrum in Darmstadt aus gegenwärtig 22 Satelliten und bekommen täglich etwa 1.000 Kollisionswarnungen", erklärte er in den letzten Tagen seines Dienstes. So habe 2016 ein weniger als ein Gramm schweres Müll-Teilchen durch seine enorme Geschwindigkeit von 50 Kilometer pro Sekunde eine 30 Zentimeter tiefe Delle in einen Satelliten geschlagen und ihn zum Trudeln gebracht. Inzwischen gebe es aber erste Schrottfang-Satelliten, um solche Störenfriede einzufangen oder so abzubremsen, dass sie in die Erdatmosphäre eintreten, wo sie dann verglühen. Als Reiter Ende April von Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer in den Ruhestand verabschiedet wurde, hat die Bundeswehr-Luftwaffe ihrem Brigadegeneral die besten Wünsche mitgegeben. Als „Jet-Pilot, Astronaut und Vorbild" habe er seinen Traum gelebt. Als Pensionär will Reiter weiter Vorträge und Uni-Vorlesungen halten, sich seinem Garten zuwenden und sein Gitarrespiel verbessern. Auch will er öfters kochen, natürlich aber nicht mehr aus der Tüte.

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