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WAS MACHT EIGENTLICH...

Joschka Fischer ganz unkonventionell 1986 als Umweltminister im Bonner Bundestag
Foto: dpa - Bildarchiv

… Joschka Fischer?

Als studentenbewegter Quereinsteiger mit linksgrünem Hintergrund wurde er 1985 hessischer Umweltminister und 1998 deutscher Außenminister und Vizekanzler. Der Gelegenheitsarbeiter ohne abgeschlossene Ausbildung schaffte den Aufstieg zum angesehenen Politiker und hochdotierten Lobbyisten. Heute ist der 72-Jährige Chef einer gefragten Unternehmensberatung.

Der einstige Straßenkämpfer und Apo-Unterstützer Joschka Fischer kam 1983 als Vordenker der „Realos" für die Grünen in den deutschen Bundestag und wurde deren Parlamentarischer Geschäftsführer. Als er 1985 in der hessischen rot-grünen Landesregierung in Turnschuhen und lockerem Outfit seinen Eid als Umweltminister leistete, nahm eine Karriere ihren Anfang, die ihn als deutschen Außenminister und Vizekanzler bis in höchste Kreise der internationalen Politik aufsteigen ließ. Nachdem die Bundestagswahl 2005 das Aus für Rot-Grün auf Bundesebene bedeutete, zog sich Fischer am 1. September 2006 aus dem Bundestag und von politischen Ämtern zurück. Er vermarktete fortan seine internationale Reputation: Zuerst als Vortragsredner für Investmentbanken, dann für ein Jahr als Gast-Professor an der US-Uni Princeton. 2007 gründete er seine Beraterfirma Joschka Fischer Consulting und schließlich 2009 mit dem Ex-Grünen-Pressesprecher Dietmar Huber die Joschka Fischer & Company (JF&C), die in enger Partnerschaft mit dem Beratungsunternehmen der ehemaligen US-Außenministerin Madeleine Albright tätig ist. JF&C am Berliner Gendarmenmarkt hat inzwischen über 15 Mitarbeiter und mit BMW, Siemens oder Rewe eine hochkarätige Klientel. Zusätzlich schließt Fischer noch Sonderverträge auf eigene Rechnung ab, wie etwa mit dem Energiekonzern RWE, den er für ein geschätztes Jahreshonorar von knapp einer Million Euro beim eingestellten Erdgas-Pipeline-Projekt Nabucco unterstützt hat. Oft jettet er als Ehrengast von Banken um die Welt und referiert über den technologischen Wandel, die Außenpolitik oder die Zukunft Europas. Für jeden Auftritt erhält Fischer angeblich Gagen zwischen 12.000 und 30.000 Euro und kann so seine monatlichen 11.000 Euro Ministerpension kräftig aufstocken. Kein Wunder, dass er seinen Schritt ins Beratergeschäft bis heute nicht bereut. In der „Wirtschaftswoche" beschreibt er seine Tätigkeit so: „Meine Beratung ist Fortsetzung der Außenpolitik mit anderen Mitteln!" Fischer bietet seinen Kunden für ihr Geld „eine Mischung aus Personality-Show, Netzwerk und einem kräftigen Spritzer Nachhaltigkeit". Obwohl der ehemalige „Ober-Grüne" auf eine nachhaltige Beratung setzt, hat er laut „Wirtschaftswoche" rigoros mit allem gebrochen, „was nur im Entferntesten nach Ökopaxe und Basisdemokratie riecht". Allzu politisch, so Fischer, dürfe er in seinem derzeitigen Job aus Rücksicht auf seine Klientel nämlich nicht werden.

Heute ist der 72-Jährige Chef einer gefragten Unternehmensberatung
Heute ist der 72-Jährige Chef einer gefragten Unternehmensberatung - Foto: picture alliance / rtn - radio tele nord / rtn, ulrike blitzner

Ehrengast von Banken

Fischer, der dem Präsidium der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen angehört, ist ein gefragter Interviewpartner von in- und ausländischen Medien, um aktuelles Geschehen zu kommentieren. In seinem Buch „Der Abstieg des Westens" (2018) weist er auf kommende Krisen hin und sein neuestes Werk „Willkommen im 21. Jahrhundert. Europas Aufbruch und die deutsche Verantwortung" versucht, auf aktuelle politische Defizite und Chancen hinzuweisen, bleibt aber konkrete Lösungsvorschläge oft schuldig. Neuerdings treiben Fischer besonders die aktuellen Herausforderungen der Digitalisierung um: „Da werden die Weichen gestellt für den Rest des Jahrhunderts. Wenn wir da abgehängt werden, dann war’s das! Das wäre für uns eine Katastrophe!", betont er 2018 im „Stern". Weder Deutschland noch Europa seien digital gut aufgestellt. Die Deutschen bezeichnet Fischer als „alte, reiche Leute, die nicht mehr wirklich was wollen." Wenn sie ihre Besitzstände wahren möchten, müssten sie entsprechend Vorsorge treffen. Der Ex-Revoluzzer verteidigt heute die Nachkriegsordnung ebenso wie die europäische Einigung, geht inzwischen milder mit seinen „Grünen" um und lobt ausdrücklich die Politik Angela Merkels: „Sie hat gewaltig gelernt mit den Jahren und ist eigentlich ein Glück für das Land", sagt er im „Stern". Deutschland müsse sich aber zum Schutz Europas von „seinen pazifistischen Instinkten lösen." Trotz seiner Erkenntnis, dass man es in der Politik „mit vielen Idioten zu tun hat" und selbst von vielen anderen für einen Idioten gehalten werde, ist Fischer für Deutschland optimistisch: „Wir haben derzeit vielleicht sogar das beste Jahrzehnt. Wir haben keinen Anlass für Pessimismus. Es kommen große Herausforderungen auf uns zu, aber mit etwas Bereitschaft, ins Risiko zu gehen, ist alles zu bewältigen", sieht er die Bundesrepublik trotz Corona-Folgen gut aufgestellt.

Beirat von Hanfhersteller

Privat ist der vielfach ausgezeichnete Fischer zufrieden: Anlässlich seines 70. Geburtstages vor zwei Jahren bekannte er rückblickend: „Das war mein Leben. Und so ein Leben wollte ich führen." Er hat gewichtsmäßig zugelegt, lässt sich von seinem Hund in der Berliner Wohnung nicht den Tagesablauf bestimmen und hält weiter an seinem Faible für sportliche Motorräder fest. An Ruhestand denkt Fischer noch nicht und geht sogar neue Aufgaben an: Seit Anfang dieses Jahres ist er Mitglied des internationalen Beirats des kanadischen Hanfherstellers „Tilray" und soll diesem bei der Umsetzung einer „offensiven internationalen Wachstumsstrategie" helfen.

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