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WAS MACHT EIGENTLICH...

Renate Stecher gewinnt bei den Olympischen Spielen 1972 zweimal Gold im Einzel-Sprint
Foto: imago images / sportfotodienst

… Renate Stecher?

In den 70er-Jahren war die DDR-Sprinterin die schnellste Frau der Welt, lief 20 Weltrekorde, war mehrfach Europameisterin und ist mit drei Gold­medaillen die erfolgreichste deutsche Olympia-Leichtathletin. Den Verdacht, dass sie am staatlichen Doping-Programm teilgenommen hat, bestreitet die sportlich noch aktive 71-jährige pensionierte Lehrerin bis heute.

Als Renate Stecher am 7. Juni 1973 die Ziellinie des 100 Meter-Laufs überquerte, stoppten gleich drei Präzisionsuhren bei 10,9 Sekunden: Soeben war die erste Frau der Welt auf der kurzen Sprintdistanz unter der 11-Sekunden-Marke geblieben. „Ja, das war schon ein historischer Lauf. Der ging ja in die Geschichte ein. Dabei hatten wir schlechtes Wetter", erinnert sich Stecher an die handgestoppte Sensation. „Mir war der Sieg immer wichtiger als die Zeit", betont sie 2020 in einem Interview. Die Frau mit dem „kürzesten, aber schnellsten Schritt" auf der Kurzstrecke ist mit ihren sechs olympischen Medaillen (dreimal Gold, zweimal Silber, einmal Bronze) die erfolgreichste deutsche Leichtathletin bei Olympischen Spielen. „Ich habe eine wunderschöne Zeit als Leistungssportlerin erlebt. Daraus sind viele herzliche Freundschaften entstanden, die bis heute anhalten", resümiert Stecher. Dazu gehört bis heute auch Heide Rosendahl, die ihr 1972 beim Olympischen 4x100-Meter-Staffel-Finale als Schlussläuferin der BRD die Goldmedaille vor der Nase weggeschnappt hat. „Renate ist sicher eine Ausnahmesprinterin, der Stakkato-Schritt war ihr Markenzeichen. Wir haben uns immer gut verstanden", verriet Rosendahl im Vorjahr anlässlich eines Grußes zu Stechers 70. Geburtstag. Die DDR-Sprinterin gab das Kompliment gleich zurück und zeigt heute noch Respekt vor der guten Leistung ihrer Gegnerin. Die Niederlage wurmt sie aber immer noch: „Es ist schon ärgerlich, wenn man zweimal Gold auf den kurzen Sprintstrecken holt und dann von einer Weitspringerin geschlagen wird." Anlässlich ihres 70. Geburtstags äußerste Stecher 2020 den Wunsch, altersgemäß weiter fit zu bleiben: „Es ist doch schön, wenn die Enkel sehen, dass die Oma noch immer aktiv ist", freut sich Stecher und ist stolz, dass eine ihrer drei ebenfalls sportlich aktiven Töchter (33, 31, 24 Jahre) 1996 sogar dreifache thüringische Landesmeisterin wurde.

Die ehemalige Leichtathletin Renate Stecher steht vor dem Ernst Abbbe Sportfeld. Sie ist heute 71 Jahre alt
Die ehemalige Leichtathletin Renate Stecher steht vor dem Ernst Abbbe Sportfeld. Sie ist heute 71 Jahre alt - Foto: picture alliance / dpa / dpa-Zentralbild 

„Wunderschöne Zeit"

Trotz ihrer sportlichen Erfolge weist Stechers Karriere einen Makel auf: Sie wurde damals wie viele ihrer Kolleginnen und Kollegen dem Staatsdoping-Programm der DDR unterzogen und erhielt wohl schon als 20-Jährige Anabolika. Obwohl ihr damaliger Trainer Horst-Dieter Hille in den 90er-Jahren ein umfassendes Geständnis über seine Doping-Praktiken abgelegt hat, behauptet Stecher bis heute, nicht gedopt zu haben, was einige ihrer Kollegen aber angezweifelt haben. Seitdem sieht sich Stecher immer wieder mit ihrer angeblichen Doping-Vergangenheit konfrontiert, nicht zuletzt, als sie 2011 in die „Hall of Fame" des deutschen Sports aufgenommen wurde. „Ich kann das nicht mehr hören", ärgert sich die Sprinterin. „Eine Aufarbeitung betraf immer nur die damalige DDR und nicht die BRD. Inzwischen steht aber fest, dass Doping in der BRD stärker praktiziert wurde als bisher bekannt war." Seitdem äußert Stecher sich zu diesem Thema nicht mehr.

Regelmäßiger Sport

Als Renate Stecher 1976 ihre Karriere beendete, schloss sie ihr Sport- und Biologie-Studium ab und unterrichtete als Diplom-Sportlehrerin an der Universität Jena, wo sie eine Zeit lang auch als Trainerin und Spielerin des Uni-Handballteams tätig war. Sie war immer schon vielseitig gewesen: „In meinem Herzen bin ich von Anfang an Sportlerin gewesen und immer geblieben. Seit über 30 Jahren spiele ich Basketball, mache heute auch Karate. Und ich bin immer noch in einer guten Gruppe. Das hält fit." Nach der Wende arbeitete Stecher dann ab 1990 beim thüringischen Studentenwerk und war später sogar für die Anti-Doping-Kommission des Deutschen Leichtathletik-Verbandes tätig. Neben dem Sport ist für sie vor allem ihre Familie sehr wichtig. In diesem engen Kreis hat die bescheidene Sportlerin – nicht nur wegen Corona – auch ihren 70. Geburtstag gefeiert. Seitdem ihr Mann 2012 verstorben ist, findet die ehemals schnellste Frau der Welt Rückhalt bei ihren drei Töchtern und inzwischen vier Enkelkindern. Ihren Kindern hat Stecher inzwischen auch das Dresdner Heinz-Steyer-Stadion gezeigt, wo sie 1973 den letzten handgestoppten 100-Meter-Weltrekord lief. „Dort stand irgendwo noch ein Siegerpodest, und meine Kinder wollten, dass ich für ein Foto noch einmal hochsteige", amüsiert sich Stecher. In letzter Zeit musste die Siebzigerin sportlich aber etwas kürzertreten: 2019 war sie auf einer vereisten Hoteltreppe ausgerutscht und hat sich den Oberschenkelhals gebrochen. Seitdem steht vor allem Reha-Sport auf ihrem Fitnessprogramm, anstatt Basketball, Karate und Pilates. Nachdem jetzt etliche Corona-Beschränkungen aufgehoben worden sind, freut Stecher sich wieder auf die regelmäßigen Treffen mit ihren einstigen „Staffelmädels" aus Jena und Leipzig: „Wir sind immer noch sehr eng miteinander, eine tolle Truppe." Ansonsten verfolgt sie die Leichtathletik nur noch aus Distanz: „Es gibt ja kaum noch Athleten, die über einen längeren Zeitraum kontinuierlich gut sind. Die meisten kommen plötzlich groß raus, machen ihre Show und sind nach ein, zwei Jahren wieder verschwunden."

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